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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
Seite
727
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Die phlisiknlijchc Chemie bei H. Kopp. 727

in die Wirklichkeit übergeführt worden ist. Von geschichtlicher Ent-wicklung ist hier vielleicht noch nicht im strengen Wortsinne znreden, weil wir uns eben noch keineswegs an einem Ruhepunktebefinden, der einen ganz objektiven Rückblick gestattet. Gleichwohlaber würde dem Bilde, dessen Zeichnung dieses Buch übernommenhat, eine Reihe äußerst eindrucksvoller und wahrlich nicht bloßvorübergehender Züge fehlen, wollten wir daraus verzichten, demAusstreben eines mit jugendlicher Kraft nach Selbständigkeit ringen-den Wissenszweiges die gebührende Aufmerksamkeit zuzuwenden.Es ist ein ähnlicher Vorgang, wie er uns im übernächsten Ab-schnitte, bei der Betrachtung der Schicksale der Erdkunde, entgegen-treten wird.

Von gelegentlichen Arbeiten physikalisch-chemischer Natur warsowohl in Abschnitt IX, wie auch in Abschnitt XVI mehrfach zuberichten, allein dieselben standen eben vereinzelt da, und nurWenige mögen erkannt haben, welcher Umschwung sich hier langsamund allmählich einleitete. Als denjenigen Gelehrten, der zuerst zurakademischen Vertretung des neuen Faches ausersehen war und indieser seiner Stellung Bedeutendes leistete, bezeichnet Ostwaldselbst den Heidelberger Chemiker H. Kopp, den uns bereits Wohlbekannten, hochverdienten Historiker der Chemie, der nur leiderdurch die Beschränktheit der Umstände, unter denen er seinen Lehr-beruf ausüben mußte, an der Entfaltung einer auf weitere Kreisewirkenden Thätigkeit gehindert war. Einen Ruf nach Leipzig lehnteer ab, und G. Wiedemann blieb es vorbehalten, an der Hochschule,welche bereits durch Kolbe zu einem Emporium der modernenChemie erhoben worden war, die Disziplin jenem Znstande ent-gegenzusühren, in welchem wir sie gegenwärtig wahrnehmen. Alser sich späterhin ganz auf die Physik zurückzog, übernahm Ostwalddie nnnmehr autonom gewordene Professur der physikalischen Chemie,nnd es steht zn hoffen, daß in nicht ferner Zeit wenigstens allegrößeren Universitäten dem Beispiele Leipzigs nachfolgen werden.Erfahrungsgemäß sträubt man sich und sucht durch Palliativmittelden entscheidenden Schritt hinauszuzögern, aber das Schwergewichtder Thatsachen bewirkt schließlich doch die Arbeitsteilung, die ander-wärts bereits ihren Nutzen dokumentiert hat.