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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
Seite
730
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7Zg XIX. Die Emanzipation der physikalischen Chemie.

boten, einen anerkannt vorzüglichen Lehrbegriff derselben zur Leit-schnur genommen und gedenken in diesem Abschnitte in derselbenWeise vorzugehen, indem wir uns eben an das Nernstsche Werkanlehnen. Ohne eine solche Unterstützung müßte die Zeitgeschichte,die ja eben aus dem vorerwähnten Grunde noch keine eigentlicheGeschichte sein kann, es sich versagen, aus der ungeheuren Flut derLitteratur diejenigen Momente herausznwählen, die im kommendenJahrhundert eine Rolle zn spielen bernfen sein könnten. Die Ge-fahr, dem sehr mäßigen, zur Verfügung stehenden Raume zumTrotze ins Uferlose abzuschweifen, wäre eine nur allzu große,wenn nicht die stete Rücksicht auf eine autoritative Darstellung derwirklich maßgebenden und probehaltigen Wahrheiten einen dauerndenSchutz gewähren und die Einhaltung eines zum Ziele führendenWeges gewährleisten würde.

Die Grundlehren der physikalischen Chemie tragen jenen aus-gesprochen atomistischen Charakter, der uns als für die ge-samte Natnrwissenschaft typisch schon wiederholt entgegengetreten ist.So nahm man denn auch in diesen Kreisen von vornherein diethermodynamischen Gesetze bereitwilligst auf und suchte die ausihnen fließende Theorie der Aggregatzustände für die chemischenUmsetzungen nutzbar zu machen. Da bei Erreichung einer gewissenTemperatur die Flüssigkeit in den gasförmigen Znstand übergeht,so hatte schon Clausins Wert daraus gelegt, zwischen Drucknnd Temperatur eine gesetzmäßige Beziehung auszu-mitteln, als dereu graphisches Symbol die sogenannte Siedekurvezu gelten hat. Winkelmann und Namsay haben hierüber gear-beitet, indem namentlich letzterer fand, daß man zu einfachen Formelngelangt, wenn man vom absoluten Nullpunkte (Abschnitt XI)aus die Siedetemperaturen zählt. Als eine gute Jnterpolations-formel ist nach Nernst und A. Hesse (Siede- und Schmelzpunkt,ihre Theorie und praktische Verwertung", Braunschweig 1893)auch die von E. Dühring (Neue Grundgedanken zur rationellenPhysik und Chemie", Leipzig 1878) aufgestellte Regel zu erachten.H. H. Ch. Bunte (geb. 1848), ein um die wissenschaftlicheFundierung der Leuchtgasindustrie sehr verdienter Chemiker, hatim Jahre 1873 und I. M. Crasts (Abschnitt XVII) hat im Jahre