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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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752
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752 XIX. Die Emanzipation der physikalischen Chemie.

Porzellanmanufaktur zu leiten hatte: seine Ansichten lernt man ambesten kennen durch die von Berzelius wohl gewürdigte SchriftWenzels Lehre von der Verwandtschaft der Körper" (Dresden 1800), welche von D.H.Grindel (17761836^ herausgegebenworden ist. Die Geschwiudigkeit des Umsatzes in der einen undanderen der beiden entgegengesetzten Richtungen sind jetzt nicht mehrgleich groß, und so ist auch ihre Differenz nicht Null, sonderneine hiervon verschiedene Größe. Guldberg und Waage führtendie einfache, aber schematiche Identität, welche hiermit gegeben ist,in eine Differentialgleichung über, aus deren Integration dieoben schon am Beispiele des Wassers erläuterte Erkenntnisfolgt, daß im strengsten Sinne erst von unendlich langerZeitdauer dieHerbeiführung des chemischenGleichgewichteserwartet werden kann. Die Physik kennt diese Art einer An-näherung an den Endzustand, die in die Reihe der asymptotischengehört, als aperiodisch. Zu denjenigen kinetischen Vorgängen,die schon seit geraumer Zeit die Aufmerksamkeit der Forscher aufsich gelenkt haben, gehört insbesondere die Zerlegung des Rohr-zuckers in Dextrose und Laevulose, d. h. in zwei Losungen,welche im Saccharimeter, mit dem uns Abschnitt XV bekanntmachte, eine Rechts- und Linksdrehung der Polarisatiousebenebewirken. Wilhelmy, Ostwald, Arrhenius n. a. haben seit 18S0folgeweise das Fortschreiten dieser Inversion studiert, und esgelang, eine sehr einfache Regel für die Geschwindigkeit anzugeben,mit welcher der Prozeß sich vollzieht. Natürlich muß eine Säurevorhanden sein, um die bereits erwähnte katalytische Aktion ein-zuleiten. Diese Thätigkeit der Säuren hat man dann in engstenKausalzusammenhang mit der elektrolytischen Dissoziation gebracht;je energischer eine Säure bei der Inversion eingreift, umso ent-schiedener dissoziiert sie sich auch, und umgekehrt. Ostwald stellteferner gegen Ende der achtziger Jahre eine neue Theorie der Ver-seifung auf, die ebenfalls durch die Lehre von der Jonen-wandernng befruchtet wurde; die Inversion des Zuckers weist aufeine Bewegung der Ionen von Wasserstoff, die Verseisnng dagegenauf eine solche der Ionen von Hydroxyl (chemisch.0L) hin. DieZurücksührung des Verlaufes einer Reaktion auf mathematische