790 XXI. Der Eintritt der wissenschaftlichen Erdkunde in die Naturwissenschaften,
von Rohmaterialien bestand, auf den richtigen Weg brachte.Wir werden im zweitnächsten Abschnitte erfahren, was die neuere undneueste Zeit aus dem Erbe des trefflichen Mannes gemacht hat;ihm selbst entfiel die Feder, noch ehe er das dreißigste Lebensjahrerreicht hatte. Über hundertundfünfzig Jahre bietet dann die Ent-wicklung der Geographie kein sonderlich anmutendes Bild dar.Die einen ließen dieselbe lediglich als einen Bestandteil derMathematik gelten; andere betonten ausschließlich das ge-schichtlich-statistische Element; und znmal die Lehrbücher des18. Jahrhunderts tragen der Mehrzahl nach eine trostlose Dürreund Gedankenarmut zur Schau. Die Bestrebungen zweier philo-sophisch denkender Männer hatten bloß einen beschränkten Erfolg.J.Kant hat durch seine geographischen Vorlesungen, die er Jahr-zehnte lang an der Universität Königsberg hielt, die naturwissen-schaftliche Seite der Erdkunde mächtig gefördert, aber persönlichgab er keine zusammenhängende Darstellung in den Druck, underst seine von Anderen herausgegebenen Kollegienhefte machtenseine Auffassung einem größeren Leserkreise zugänglich. Was derWissenschaft fehlte, hatte auch I. G. Herder (1744—1803) klarerkannt, und seine 1784 gehaltene Schulrede „Von der Annehmlich-keit, Nützlichkeit und Notwendigkeit der Geographie" läßt bedauern,daß sich seine eigene schöpferische Thätigkeit einzig und allein dem-jenigen Teile der Wissenschaft zuwandte, den man seit 1882,dem Vorgange F. Ratzels (geb. 1844) folgend, als Anthropo-geographie bezeichnet, und der zwar, richtig ausgefaßt, von derNaturwissenschaft auch uicht losgelöst werden kann, immerhin aberzunächst für die Geschichte fruchtbar werden mußte. Noch immerwar das Verhältnis der Geographie zur Naturwissenschaft einunklares nnd unbestimmtes, nnd erst das neue Jahrhundert bahnteeinen erheblichen Fortschritt an. Zwar war der Mann, dem wirdie Erneuerung der Erdkunde verdanken, von Beruf ebenfalls keinNaturforscher, aber der systematische Geist, der ihn beseelte, hatgleichwohl die Mängel, die aus einer zu wenig exakten Vorbildunggeflossen waren, auszugleichen vermocht, und wenn wir davonsprechen, daß die Wissenschaft, die bis dahin heimatlos und weniggeachtet dastand, ihre Aufnahme in das Gesamtsystem als gleich-