792 XXI. Der Eintritt der wissenschaftlichen Erdkunde in die Naturwissenschaften,
hin zur Betrachtung dessen, was der Natur angehört und bleibendist, und die Zeit seines ersten Auftretens, während deren sich fastalljährlich die einschneidendsten Grenzveründerungen auf der Land-karte vollzogen, war ganz dazu geschaffen,- den Fachgenossen rechtdeutlich zu machen, daß es doch für die Erdkunde höhere Zielegeben müsse, als die Verbuchung der Zustünde, welche Wille undmomentanes Waffenglück der Machthaber auf unserem Planetenschaffen. Und wenn dann auch die Richtung, welche damals ent-stand, in dem Bestreben, eine regelrechte Bedingtheit der ge-schichtlichen Ereignisse durch die geographischen Verhält-nisse nachzuweisen, etwas zu weit ging und sich zu sehr inteleologische Abgründe verlor, so müssen wir in diesem Abschweisenvom geraden Wege wesentlich eine Einwirkung der zeitgenössischenNaturphilosophie erkennen, die ja zeitweise den ganzen Umkreismenschlichen Wissens beherrschte, und der sich gerade ein so philo-sophischer Kopf, wie es Ritter war, am wenigsten entziehen konnte., Zu einer höheren Auffassung der Geschichte hat der Versuch, dar-zuthun, daß alles so kommen mußte, wie es kam, doch unzweifel-haft geführt, und in neuester Zeit hat F. Ratzels politischeGeographie (1896) deu Ritterschen Grundgedanken wieder auf-genommen und, unter Abscheidung manchen Beiwerkes, als einenim Kerne gesunden hervortreten lassen, obwohl, wie gleich bemerktsein möge, die erwähute neue Auffassung des Wechselverhältnisseszwischen Erdkunde, Geschichte, Volkswirtschaftslehre und Soziologieungleich umfassender angelegt ist, als dies vor nahezu hundertJahren angängig gewesen wäre.
Mächtig hat auf Ritter auch das Beispiel A. v. Humboldtsgewirkt, den er zu Frankfurt a. M. in dem Hause, dessen Kinderer zu unterrichten hatte, persönlich kennen lernte. Der großeReisende besaß, wie wenige, die Gabe, anschaulich zu schildern,und man kann sich also leicht denken, daß dem juugen Manne,der den Berns der Erdwissenschaft schon damals richtig heraus-gefühlt hatte, Erzühluugeu unschätzbar sein mußten, bei deren An-hörung er sofort ein Bild der in Rede stehenden Landschaft vorseinem geistigen Ange auftauchen sah. In einem Briefe, der um1805 au den treuen Guts-Muths geschrieben ward, giebt der