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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
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804
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804 XXI. Der Eintritt der wissenschaftlichen Erdkunde in die Naturwissenschaften,

bis dahin ganz unbekannt gewesenen Bodenform, der gefrorenenTundra Nordsibiriens zu danken hat. Ein noch höheres Interessebegann sich aber gegen das Ende des zweiten Dezenniums auf dieein wirres Durcheinander von Festland, Eis und offenem Wasserdarstellenden Archipele der sogenannten nordwestlichen Durch-fahrt zu konzentrieren, die man, nachdem das mühevolle Ringeneines Frobisher, Davis, Hudsou, Baffin u. a. zweihundertJahre früher zu keinem praktisch verwertbaren Ergebnisse geführt,nautischerseits so gut wie ganz unbeachtet gelassen hatte. Seit 1818folgten John Roß (17771856) u. a. dem von jenen Heroen ge-gebenen Beispiele, und dem ersteren ward (Abschnitt VI) 1829 dasGlück zu teil, den magnetischen Nordpol der Erde, d. h. den-jenigen Punkt aufzufinden, in welchem die Neigungsnadel sich genausenkrecht zur Horizontalebene einstellt. Vom nordamerikanischenBinnenlande aus organisierte der unternehmende, zu trauriger Be-rühmtheit gelangte John Franklin (17861847?) die Forschungs-arbeit, unterstützt von Beechey, I. Richardson, Back, Kendallund anderen tapferen Begleitern, die zum Teile, wie ihr Führer, derUnwirtlichkeit der Eiswelt erlagen. Frauklin nämlich, der fürseine Leistungen bereits die höchsten Anerkennungen erhalten hatte,segelte im Jahre 1845 zu einer neuen, wesentlich der Erkundungder geomagnetischen Verhältnisse gewidmeten Fahrt aus, von welcherkeiner der Teilnehmer zurückkehren sollte. Man glaubte annehmenzu sollen, daß das Unglück die beiden ExpeditionsschiffeErebus"undTerror" im höchsten Norden betroffen haben müsse, allein imJahre 1859 wurde mit vollster Sicherheit festgestellt, daß dasUnglück sich unter verhältnismüßig niedriger Breite, nämlich inKing Williams-Land, ereignete, und daß dort innerhalb der beidenJahre 18461848 die gesamte Mannschaft der Kälte und demHunger erlegen war.

So entsetzlich dieses Schicksal der Unglücklichen anch erscheint,so wenig ist in Abrede zu stellen, daß die Geographie der arktischenLänder aus der Ungewißheit, in welcher man über ein Jahrzehntgeschwebt hatte, sehr erhebliche Vorteile zog, denn eine ganze An-zahl von Expeditionen ist nur zu dem Zwecke in Szene gesetztworden, um die Kulturwelt von dem stillen Vorwurfe, der in der