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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
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874
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874 XXIII. Erdmessuug und Erdphysik in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts.

herbeiführte. Sieben Jahre spater gestaltete H. Bruns (AbschnittXIII und XVI) in einer zwar kleinen, aber überaus inhaltreichenMonographie (Die Figur der Erde, ein Beitrag zur europäischenGradmessung", Berlin 1876) Fischers mehr negative Kritik zneinem umfassenden Programme der künftigen Erdmessungsarbeitaus, iudem er gewisse normative Sätze ausstellte, die seitdemallgemein anerkannt werde«. Das Geoid ist eine völlig regel-lose, jedoch gegeu außeu allerorts konvexe Fläche; demGeoide läßt sich ein ihm ziemlich genau angepaßtesNormal- oder Referenzellipsoid zuordnen; die jeweiligenAbweichungen zwischen Geoid und Ellipsoid müssen durchzweckdienliche Verbindung von Gradmessung, Nivellementund Schweremessuug ermittelt werden.

Von der geodätischen Seite dieses Arbeitsprogrammes ist genuggesprochen worden. Das Nivellement wird seit bald dreihundertJahren, nachdem schon bei Heron und Vitruvius Ansätze dazunachweisbar sind, zur direkten Messung von Höhenunter-schieden augewendet, und die geodätischen Schriftsteller, unterdenen wir S. Stampfer, K. M. v. Bauernfeind (18181894)nnd W. Jordan (18421899) besonders namhaft machen, habendie Theorie und Praxis des Verfahrens bis zu hoher Feinheitausgebildet, indem sie vor allem eine stete nnd scharfe Kontrolleder Teilung der Ni-vellierlatten durchführten und möglichst aus-schließlich vom Nivellieren aus der Mitte Gebranch machten,wodurch der Refraktionsfehler fast ganz ausgemerzt wird. Überalle europäischen Länder erstreckt sich jetzt ein Präzisionsnivel-lement, mittelst dessen man auch alle etwaigen Höhenveränderungeugeodynamischer Natur festzustellen in den Stand gesetzt wird. Aufnivellitischem Wege sand man, daß die Niveaudifferenzen der einzelnenMeeresspiegel, die natürlich ans Mittelwasser zwischen Ebbe undFlut bezogen werden, äußerst geringfügig sind; man kenntferner die Höhenabstände der einzelnen Meere genau, und wenndeshalb auf den Höhenmarken unserer Bahnhöfe die vertikalenAbstände von der Ostsee auf die Normalnull von Swinemünde bezogen sind, so kann man durch bloße Additivu und Subtraktionohne weiteres auf die Normalnull von Amsterdam , Marseille,