Druckschrift 
Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
Seite
928
Einzelbild herunterladen
 

928

XXIV. Rückblick und AuSMck.

Doch soll dies nicht etwa in der Weise geschehen, daß wirgewissermaßen eine Liste der großen Entdeckungen nnd Erfindungenauf den einzelnen Arbeitsfeldern der exakten Wissenschaften ent-rollen. Eine solche Zusammenstellung würde höchst mühsam seinund trotzdem schwerlich ein befriedigendes Ergebnis liefern. Weitmehr empfiehlt es sich, iu großeu Zügen die bewegeudenGrundgedanken zn kennzeichnen, von denen anzuuehmeuist, daß sie auch im neuen Jahrhundert fortwirken und iu nochglänzenderen Errungenschaften die ihnen innewohnende Kraft be-thätigen werden. Sind doch vor allein, nm zunächst mir dieseneinen, aber hochwichtigen Punkt hervorzuheben, die Menschendes 20. Jahrhunderts mit ganz anderen Physischen Erkenntnis-mitteln ausgerüstet, welche thuen den Vorfahren gegenüber einebegünstigte Stellung sichern. Unsere Sinneswahrnehmnnghat sich beträchtlich verschürst. In einer akademischen Antrittsrede<Leipzig1900) hat O.Wiener, der erwähntermaßen (Abschnitt XVI)für die Farbenphotographie ganz nene Wege aufzuzeigen so glücklichwar,die Erweiterung unserer Sinne" znm Gegenstande einer tieseindringenden Erörteruug gemacht. Jeder Apparat, jedes Instrumentsoll dazu dienen, die trägere Sinnesthätigkeit des Menschen zuvervollkommnen, zu verschärfen. Schon 1855 hat der große Psycho-physiker H. Spencer diesen Gedanken sehr bestimmt ausgesprochen.Nehmen wir aus der Lehre von den durch das Nervensystem ver-mittelten Beziehungen zwischen Leib und Seele, wie wir darüberin Abschnitt XVII uns kurz änßern konnten, den zuerst vonHerbart (AbschnittII) eingeführten Begriff der Schwelle herüber,so kommt offenbar jeder Vorrichtung, die menschlicher Kombinationsür die Zwecke des Zühlens, Messens und Wägens ihre Entstehungverdankt, eine gewisse Genauigkeits- oder, nach Wiener, Ver-hältnisschwelle zu, jeuseits dereu die Vorrichtung keine Dienstemehr zn thnn vermag, und die Aufgabe des mit dem Forscherverbuudeueu Mechanikers ist es, diese Schwelle möglichst tiefherabzudrücken. Eine der trefflichen modernen Wagen, wie siePhysiker und Chemiker für ihre feinen Bestimmungen brauchen,ist ungefähr zehntausendmal empfiudlicher, als die empsiudlichsteStelle unseres Körpers, dessen Verhältnisschwelle demgemäß ziemlich