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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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XXIV. Rückblick und Ausblick.

hundert ein markanter energetischer Zug aufgeprägt sein werde.Jene Lübecker Rede Ostwalds stand mit der Thatsache in Ber-hindnng, das; im Jahre 1894 eine aus L. Boltzmann, G. Quincke ,P. v. Laug, E. Wiedemann und G. Helm (geb. 1851) bestehendeKommission niedergesetzt worden war, die einen Bericht über Ener-getik zu erstatten hatte, und eben auch in Lübeck trat Helm als Ver-sechter der auch von Ostwald angenommenen Ansicht auf, wogegenBoltzmauu in längerer, wohl von der Mehrzahl der Theilnehmergebilligter Darlegung ausführte, die alte theoretische Physikkönne noch lange nicht als ein überwundener Standpunktgelten. Auch aus deu nächstfolgenden Naturforscherversammlungenkam mau gelegentlich auf diese die Geister so lebhast bewegendeFrage zurück, nnd wiederum war es Boltzmann , der 1899 iuMünchen sür die von allen großen Repräsentanten der exaktenWissenschaften seit Newtou ihreu Uutersuchuugeu zu Grundegelegte Auffassung eine Lauze brach. Der Euergiesatz wirddas Leitmotiv aller einer exakten Einkleidung fähigenProblemstellungen uud Problemlösungen sein, aber diebisher erprobte Methodik der Kunst, Fragen an die Naturzu richten, braucht keiner grundsätzlichen Änderung unter-zogen zn werden.

Indem wir oben der Überzeugung Ranm gaben, daß jederErkenntnissortschritt uur asymptotisch vor sich gehen könne, uuddaß die Zeit, welche zur Erreichung der letzten Ziele erfordert wird,von unendlich langer Dauer seiu müsse, haben wir zugleich, wiesich dies für eiuen Ausblick iu eine unbekannte Zukuuft geziemt,Stellung geuommen zu der dereiust vou E. du Bois Reymondangeregten nnd von lebhaftester Diskussion seitdem getragenen Streit-frage, ob es dem Menschen überhaupt vergönnt sei, bis zn denletzten und verborgeusteu Quellen des Erkennens vorzudringen.Daß das WortiAnor-rinus"Nur wissen nicht" sür dieGegenwart uoch recht häufig am Platze sei, wird zwar allseitigzugestanden, aber eine ziemlich hitzige Gegnerschaft erhob sich gegendes genialen Physiologeniguoradimus"wir werden gewisseDinge niemals wissen". Es erscheint aber doch im Grunde fastmüßig, sich über die Zeiten, welche wissenschaftlicher Chiliasmus