200 1830-1840.
Am naivsten spricht sich diese Lebenslust bei jenen beidenSchwaben aus, die freilich, obwohl Jugendfreunde, recht verschiedeneWege gingen. Wilhelm Waiblinger (1804—1830) ist einSohn der alten Reichsstadt Heilbronn . Der Drang, ein roman-tisches Leben zu führen, trat früh hervor, wie seine anmutig er-zählten Jugenderinnerungen zeigen: harmlos in kecken Wander-fahrten ins Blaue hinein, verhängnisvoller in dunkeln Liebes-abenteuern. Aber alles war ihm nur Behelf und Vorbereitung,bis er, zuerst 1823, nach Italien kam. Seit 1826 blieb er dortund lebte in Rom abenteuerlich genug, in zerlumptem Rock undverwildertem Haar, aber glücklich wie ein königlicher Bettler, entzücktvon allem, was er sah, und gleichgültig gegen den Spott derFremden. Eine leidenschaftliche Sehnsucht nach Unsterblichkeit fandin der günstigen Aufnahme seiner ersten Lieder und ErzählungenNahrung; sein Geniekultus schreckte so wenig wie Stieglitz ' Ner-vosität treue Freunde zurück, zumal er wirklich liebenswürdig war;aber dauernd ihm zn helfen waren sie nicht im stände. So wardauch dieser begabte Lyriker und witzige Humorist, wie so viele„Epigonen", „mehr Objekt der Poesie als Dichter". Der eitle, demundankbaren Deutschland feindliche Nachahmer Byrons und Hölder-lins dichtete sein Leben zu einer Eichendorsfschen Novelle um; undbei aller Bedrängnis, bei körperlichen Leiden und versagender Kraftwar sein Glück an der schönen Natur, seine Freude an jedermalerischen Geste einer Sicilianerin, sein Behagen an dem Klangder Sprache selbst stark genug, um ihn zu entschädigen für alles,was ihm fehlte. Noch auf dem Totenbett sang und predigte eritalienisch und schrieb in die Heimat die Abschiedsworte: „Lebetwohl, geliebte Eltern! Ich sterbe auf römischem Boden." SeineDichtungen erfreuen durch reine Form, dnrch Wohlklang undHeiterkeit; aber es fehlt ihnen der specifische Gehalt, anch dasEigenste (außer den Satiren) klingt übersetzt.
Individuell dagegen in jeder Zeile war das eigenwilligsteder schwäbischen Originale, Eduard Mörike (1804—1875). DerPfarrer von Kleversulzbach bei Heilbronn war keine poetische Er-scheinung wie der „Näuberhauptmann" Stieglitz oder der zerlumpteVagant Waiblinger; vielmehr ruht auf dem bartlosen, etwas weich-lichen uud fleischigen Gesicht, auf dem Bild des Mannes mit engemCylinder und Regenschirm (wie ihn eine unübertreffliche Silhouettevon Konewka darstellt) der volle Abglanz jenes romantischen