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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
Seite
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Ferdinand v. Saar .

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so wenig von dem, was er erhofft. Er hat das Verlangen auf-gegeben; das höchste Ziel ist ihm nunErkenntnis des eigenenSelbst". Und nun, um sich selber zu erkennen, sieht er zu, wiedie andern es treiben. Er sitzt am langsam verlöschenden Kaminin einem alten mährischen Schloß, blickt mit den nachdenklichenAugen in die Kohlen und streicht sich die wirren ergrauenden Haarevon der hoheu Stirn. Da ist es ihm, als tauchten verwandte Ge-stalten vor ihm auf, die er einst gekannt, die sein scharfes Ge-dächtnis nicht losließ rühmt er sich doch, keine Hand zu ver-gessen, die er einmal sorgfältig betrachtet. Und so entsteht ihm,indem er die Geschichte sich selbst vorerzählt, die Novelle. Daherdie typische Form seiner Novellen, wie Jakob Minor sie ana-lysiert hat:

Sie gehören fast alle jener eigentümlichen Form der Jchnovelle an, inder der Dichter selbst immer leibhaft gegenwärtig ist, ohne mit dem Heldenselbst identisch zu sein. Meistens spielt er die Rolle des Vertrauten, derals Freund nnd Berater Gelegenheit zur Beobachtung und znr Anteilnahmegehabt hat . . . Der Dichter erzählt nur, was er erfahren hat: und wirerfahren von ihm nnr, was er weiß und wissen kann. Über das, was ernicht in Erfahrung bringen konnte, läßt er uns im unklaren . . . JedeSaarsche Novelle spielt sich in einer Reihe von Begegnungen ab, die un-gefähr den Kapiteln entsprechen, und wo beim Zusammenkommen und beimWeggehen immer die höflichsten Grußformeln beobachtet werden. Zwischenden einzelnen Begegnungen liegt immer ein Zeitraum von vielen Jahrenund ein Wechsel des Schauplatzes . . . Mi: jeder Begegnung aber ist einentscheidendes Moment in dem Charakter des Helden oder in seinen Schick-salen gegeben: so viel Begegnungen, so viel Stationen ans seiner Lebens-wanderung . . .

Natürlich; der Dichter fragt ja wirklich den Gestalten, die da alseinzige Gäste ihm gegenübersitzen, ihre Erlebnisse ab. Und jede neneSituation, jede neueStation auf der Lebenswandernng" verlangtfür dies fein abtönende Dichtergemüt einen neuen Schauplatz: derfrühere paßt nicht mehr. Eine ganz persönliche Formgebung, ebendeshalb von eigenem Zauber. Man kann von Saars Novellensagen, was sein Jnnocens von dem Bild an der Wand seiner Stuberühmt:Man kann sich nicht satt schauen daran. Das kommtaber daher, weil man seine eigentliche Schönheit mit den Blickengleichsam erst aus der Tiefe an die Oberfläche saugen muß. Beimersten Hinsehen erscheint es fast leer und läßt kalt. Solchen,die kein geistiges Auge besitzen, wird es niemals ein rechtes Wohl-gefallen abgewinnen."

Meyer, Litteratur. 42