Druckschrift 
Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
Seite
38
Einzelbild herunterladen
 

- 38

das Hussen verbrannte".*) Diese Helden sind die eigentlichenHerrscher der Menschheit, mögen sie als Könige bei ihrenLebzeiten oder als Priester, Religionsstifter, Denker erst nachihrem Tode dieselbe sich Unterthan machen (usro kinZ",Qsro as xi-isst")**).

Die Rückführung aller gesellschaftlichen Gebilde auf einAutoritätsverhältnis hat Carlyle vielfache Angriffe zugezogen.Daß Carlyle kein Verteidiger des politischen Despotismusist, geht schon daraus hervor, daß nach seiner Meinung dieeigentliche Macht aus den Händen der Könige, d. h. der po-litischen Machthaber, heute mehr und mehr in die der Denkerund Schriftsteller übergeht und die thatsächliche Macht durch-aus nicht immer mit der rechtlichen zusammenfällt.

In Übereinstimmung mit den Ergebnissen der vergleichen-den Völkerkunde führt Carlyle die Entstehung gesellschaftlicherZustände auf die Ausbildung ursprünglicher Gewaltverhält-nisse zurück: die Herrschaft des Vaters über die Familie, desHäuptlings über die Horde, der Eroberer über das eroberteVolk. Je mehr nun solche Verhältnisse dauernd werden,desto mehr wird ihr Bestand für deu einzelnen unentbehrlich.Je mehr der einzelne für die Gesamtheit arbeitet,- wiedies bei der zunehmenden Arbcitsglicdernng der Fall istdesto mehr bedarf er der Gesellschaft, des ihm vou ihr ge-währten Unterhaltes, der Leitung und des Schutzes.Vonallen Menschenrechten," sagt Carlyle,ist das Recht des Un-wissenden, durch deu weiseren geleitet zu werden, mit Mildeoder Gewalt durch ihn auf dem rechten Wege gehalten zuwerden, das unbestreitbarste. Die Natur selbst befiehlt esvon Anfang an, die Gesellschaft kämpft der Vollendung zu,indem sie es mehr und mehr durchführt." So ist für Carlyle im genauen Gegensatz zur gewöhnlichen Annahme dashöchste Recht der Massen, das Recht beherrscht zu werdeu,die. schwerste Pflicht für die, die herrschen können, die Pflichtzu herrschen: dies ist der Inbegriff aller sozialen Rechte uud

*) Vergl. Goethe, Sprüche in Prosa Nr. 272.

Vergl. Flügel, Carlyles Entwicklung S. 51. Leipzig 13S8.