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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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einer ungeheuren Küche und langen Speisetafcln, und nurder ist weise, der seinen Platz daran finden kann,"*)

Trotzdem aber bestehen die nicht mehr geglaubten For-men noch lange fort mehr und mehr als bewußte Lügeu,Carlyle mit einer merkwürdig entwickelten Einbildungskraftglaubtediese Phantasmen und Trugbilder", welche seineZeitgenossen beherrschten, oft leibhaftig zn sehen; am hellenTage umgaben sie ihn auf den Straßenmit gespcnsterhafterNachahmung des Lebens".

Endlich aber kommt ein Tag, da die gesellschaftlichenFormen zu sehr zur Lüge geworden sind, daArbeit" in zugeringem Grade verrichtet wird, da zu schlechten Herrscherndie Führung vertraut ist, da als Folge von alledem sozialesElend in weitem Umfange die Unmöglichkeit des bestehendenSystems offenbar macht. Alsdann erfolgt mehr oder wenigergewaltsam ein allgemeiner Zusammenbruch.

Unsere Führer sind zu schlecht, lieber keine Führung!"Carlyle^) sieht in diesem Rufe lediglich dieVerzweiflungder Menschen, Helden, die zur Regierung von Menschentauglich sind, zu finden, sowie die Fügsamkeit in diesen Mangelund dcu Glauben, daß es ohue solche geheu wird".Dasbestehende System der gesellschaftlichen Formen ist zn schlecht.Lieber gar keine Formen!" rufen diejenigen, auf welchen diealten Zustände am schwersten lasten. Mau predigt Zerstö-rung der bestehenden, ja aller Gesellschaft und verspricht durchRückkehr in den Naturzustand ein Paradies ans Erden; eineRichtung, welche Carlyle alsAdamitismus" oder dasEvangelium Rousscaus" bezeichnet und von welcher dermoderne Anarchismus nicht zu weit abweicht.

Diese Ansichten sind thatsächlich eine genaue Umkehrungder Wahrheit. Denn nicht darin besteht das Unglück solcherZeiten, daß Herrscher vorhanden sind, sondern vielmehr darin,daß sie statt Herrschern nur Scheinherrscher haben, welche

*) Vergl. ?s.st Ävcl ?rsssnt S. 129, Ausgabe von Kretzsch-mar. Wsesll^nsous Z8sa>^s Bd. II, S. 338.**) Vergl. ?s.st -M<I ?rsssnt S. 214.