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äußeren Schein, ist eine neue Beleidigung und die Erzeugerinvon neuem Elend für den einen oder den anderen." „KeineLüge geht zu Gruude, sondern ist zum Wachstum ausgesät."
Die wichtigste Arbeit in der Gesellschaft, die Herrschaft,ist für die, welche zu ihr berufen sind, nicht mehr Pflicht,sondern Mittel zu persönlichen Zwecken.
Wenn nun der Teil im Sinne des Ganzen zu funktio-nieren aufhört, so werden auch die Lebensvcrrichtungen desGanzen immer fehlerhafter. Ähnlich wie ein kranker Körperseinen Organen nicht mehr die ihnen entsprechende und ge-nügende Nahrung zuführt, so zeigen sich durchaus analogeVerhältnisse auf sozialem Gebiete: ein Zustand, den Carlyleals „Dyspepsie der Gesellschaft" zu bezeichnen liebt. Mitdem Zerfall der organischen Gliederungen innerhalb desVolksganzen, dem Aufhören der genossenschaftlichen Zusammen-hänge, der Isolierung des einzelnen ist der Schwächere demStärkeren schutzlos preisgegeben. Massenelend und dem-gegenüber Ansammlung des Reichtums in den Händen we-niger, welche ihre Schätze nicht mehr zu verwalten vermögen,sind die Folgen.
Alle diese Schäden lassen sich durch künstlich ersonneneMittel, durch Pillen, wie Carlyle sagt, die man dem krankenKörper zu schlucken giebt, nicht heilen. Wie für Carlyle dieäußeren Zustände der Gesellschaft von subjektiven Bedingungenabhängen, so ist auch der soziale Zersetzungsprozeß unauf-haltsam, solange auf subjektivem Gebiete die Auflösung fort-dauert. Der Unglaube also ist der eigentliche Sitz des Übels,der „Mittelpunkt des sozialen Krebses, der alle Dinge mitdem Tode bedroht". „Die Menschen haben, um im alter-tümlichen Dialekt zu sprechen, „Gott vergessen" oder im mo-dernsten Dialekt und der eigentlichen Wahrheit des Gegen-standes, sie haben das Faktum dieses Weltalls aufgefaßt, wiees nicht ist. — Sie glauben, dieses Weltall sei seineminneren Wesen nach ein großes, unverständliches Vielleicht;seinem äußeren Wesen nach ist es unverkennbar genug eingroßer umfangreicher Viehstall und ein Arbeitshaus, mit
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