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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
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Sind doch gerade die oberen Klassen, welche zuerst vom Un-glauben ergriffen werden, so eng durch ihre persönlichen In-teressen mit dem herrschenden Gesellschaftssystem verbunden,daß sie dasselbe auch deshalb äußerlich festhalten.

In solchen Zeiten ist die Gesellschaft krank. Die äußerenFormen, obwohl scheinbar noch in Kraft, beherrschen dochthatsächlich nicht Mehr das Handeln derer, welche nicht mehran sie glauben. Die Arbeit geschieht nicht mehr um ihrerselbst willen, weil der Glaube an den absoluten Wert desdurch sie zu verwirklichenden Gutes geschwunden ist. DasIndividuum wird der Mittelpunkt alles Handelns. Da aberoie äußeren Formen noch als die herrschenden anerkannt sind,auch undere noch daran glauben, so wird die Thätigkeit nun-mehr auf den Schein gerichtet, als sei die Arbeit gethan.Wenn der Glaube ungewiß wird," sagt Carlyle,so wirdauch die Praxis ungesund."In allen Fällen muß einMensch, um treulich zu arbeiten, auch fest glauben." Kommtes ihm dagegen nur darauf an, den Lohn für die Arbeiteinzustreichen, statt unter Aufopferung seiner selbst das Werkzu verrichten, so bleibt die ihm anvertraute Arbeit ungethan.Das ist das Zeitalter der Reklame; der eine versucht indem anderen den Irrtum zu erregen, als sei eineLeistung verrichtet, die 'thatsächlich ungethan geblieben ist.So setzt z. B, der Londoner Hutmacher einen sieben Fußhohen Hut auf einen Wagen und läßt ihn durch die Straßenfahren; er versucht nicht bessere Hüte zu machen,wie dasUniversum von ihm verlangte und wie er bei seinem Scharf--sinn sehr wahrscheinlich hätte machen können; sondern seinganzer Fleiß wird darauf verwendet, uns zu überreden, daßer bessere Hüte gemacht habe". Jede Arbeit aber, die nurscheinbar gethan wird, bedeutet zugleich einen Eingriff indie Ordnung, welche die Bedingung des Daseins des Ein-zelnen ist: die Gesellschaft. Dieselbe stammt aus einer Zeit,da ein jeder an seiner Stelle die ihm anvertraute Arbeitverrichtete. Wo nun solche ungethan bleibt, da klafft eineLücke in der Zusammenarbeit aller.Was für Arbeit immerin unehrlicher Weise gethan wird mit einem Ange auf ihren