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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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Drilles Raxikel.«Larlsles Stellung zur Gegenwart.

Worauf beruht es, daß Carlyle, der als Straf- undBußpredigcr des XIX. Jahrhunderts auftrat, sich doch denGlauben an die Zukunft der europäischen Kulturwelt be-wahrte? Auf zwei Thatsachen, deren Anerkennung seitenseines Engländers besonders merkwürdig ist. Einmal hatteer im Laufe des Jahrhunderts eine Macht in Europa er-stehen sehen, deren Staatsgewalt, noch thatsächlich, nicht nurzum Schein das Amt der Regierung führte: Preußen-Deutsch -land. Dieser Staat, hoffte er, werde ein festes Rückgratfür die schwankenden Verhältnisse Europas in den nächstenJahrhunderten abgeben.

Wichtiger aber war ihm gegenüber dieser änßeren That-sache, welche nur eine Frist für den Neuaufbau verbürgte,die innere Entwicklung. Denn darin stimmte er mit A. Comte überein, daß die sozialen Verhältnisse abhängig seien vonden psychologischen Verhältnissen, daß die äußere Geschichtenur ein Abbild der inneren sei.

Wenn die philosophischen Geister der Welt sagtI. St. Mill*) in einer von Carlyle gewiß nicht unbeein-flußten Stelle nicht länger an ihre Religion glaubenoder nur mit Modifikationen daran glauben können, welcheden Charakter derselben wesentlich verändern, so beginnt eineÜbergangsperiode schwacher Überzeugungen, gelähmter Ver-standeskräfte, lauer Grundsätze, die kein Ende nimmt, bisans der Grundlage ihres Glaubens eine Erneuung bewirktist, welche zur Entwicklung eines religiösen oder rein mensch-lichen Glaubens führt. So lange dieser Zustand anhält,

») Selbstbivaraphie (Stuttgart , 1874), S. 199.