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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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hat alles Denken und Schreiben, das nicht auf eine solcheErneuung hinarbeitet, sehr wenig andern, als momentanenWert."

Carlhle hätte hierin seinem Freunde Mill zugestimmt,nur den Glauben an die Möglichkeit einer rein menschlichenReligion als eine Täuschung bezeichnet, welche der utilitari-schen Denkweise des Zeitalters entstamme. Eine menschlicheReligion sei eben des Menschen willen da nnd daher nichtimstande, den Individualismus zu bändigen, worauf dochaller soziale Aufbau beruhe.

Carlhle glaubte vielmehr und dies ist der tiefsteGrund seines Optimismus an einen unvergänglichenKern des Christentums, welches nur in seiner dogmatischenFassung von einstens heute unbrauchbar geworden sei. DieReformation habe es unternommen, diesen Kern neu zu fassen,ohne freilich ihr Werk zu beenden. Im XIX. Jahrhundertsei nun die deutsche Geistesarbeit von neuem an diese wich-tigste Aufgabe gegangen; neben der Kantischen Philosophiewar ihm vor allen die Weltanschauung, zu der sich der alteGoethe durchgerungen hattedieser wichtigste Deutschenach Luther" das hoffnungsvollste Zeichen der Zeit.

Wenn Carlhle so allen Nachdruck auf die Notwendigkeitciuer geistigen Neuorganisation legt, so ergiebt sich hieraussein sozialpolitischer Standpunkt. Zwar ist er einer der be-deutendsten Gegner jenes egoistischenla-issW-tairs" gewesen,wie es die besitzenden Mittelklassen übten. Er fordert, daßder Staat von der Seite des Kapitals zu der der Arbeithiuübertretc, daß nicht mehr Kapitalauhäufung, sondernHebung und Selbständigmachuug der Massen das Ziel allerVolkswirtschaft sei. Aber wie lebhaft er z. B. anch Fabrik-gesetze befürwortete, er ist sich bewußt, daß der Staat imVergleich mit der Wichtigkeit jener inneren Entwicklung nurunendlich wenig thun könne. Für ihn war die soziale Fragein erster Linie nicht eine politische, sondern eine religiöse.Nichts lag ihm ferner als der Irrtum, soziale Leidendurch Gesetze abschaffen zu wollen. So ist er neben Comte