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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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unter den Philosophen der Neuzeit einer der grundsätzlichstenGegner des Sozialismus.

Wir verfolgen nunmehr im einzelnen seine Stellung zuden Problemen der Gegenwart.

Die inneren Formen.

Die Kritik, welche Carlyle an den gesellschaftlichen Zu-ständen der Gegenwart übt, bezieht sich nicht auf einzelneSchäden. So viel man deren auch aufzuzählen vermag, soliegt ihnen doch eine einzige Thatsache zu Grunde: die Ge-sellschaft unserer Zeit verliert mehr und mehr den zu ihrerGesundheit notwendigen Glaubeusinhalt.

Der herrliche Bau der Kirche, welchen einst große undgottbegeisterte Männer errichtet haben, ist nach Carlyle heutein traurigstem Verfall. Carlyle betrachtete es als seine Auf-gabe, die Kirche seiner Zeit auf das heftigste zu befehden,denExodus aus Houndsditch" seinen Zeitgenossen nachKräften zu erleichtern. Der Grund davon liegt darin, daßihm hier der Sitz eines Übels zu liegen schien, welches dasLeben seiner Nation in allen Äußerungen vergiftete: einerunendlichen Heuchelei". (Vergl. Froude, Carlyle in London II, Kap. 17, S. 19; Brief Carlylcs an Erskine.) Carlyleaber macht diesen Vorwurf nicht einer Nation allein; eshandelt sich ihm vielmehr um eine allgemein europäische Er-scheinung. Wir leben heute im Zeitalter desJesuitismus".

Auch der Protestantismus ist diesem Fehler erlegen,nachdem er zur Orthodoxie verknöcherte. Seit derfür alleZeit gesegneten Restauration", wie man die Rückkehr Karls II. genannt hat, ist der jesuitische Sinn in England eingezogen.Indem wir den Namen des heiligen Jgnatius verdammten,haben wir in wachsendem Maße sein System angenommenund in ihm eine gesunde Grundlage unseres Lebens erblickt."Wir begannen zu glauben, daß menschliche Symbole, die fürfrühere Generationen einmal Thatsachen deckten, an sich dieKraft haben, uns zu retten, daß wir sie deshalb äußerlichfesthalten müßten. Während eine gesunde Religion für denMenschen gerade die Thatsachen umfaßt, welche für ihn so