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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
Seite
119
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sicher sind, daß sie der Ausgangspunkt seines Denkens undHandelns werden, so könnte man heute die Religion als dieSumme der Sätze definieren, über welche der Mensch ammeisten zweifelt. Während früher gerade auf dem religiösenGebiete jeder zur Sicherheit eines Ja oder Nein zu kommenbemüht war, so begnügen sich heute viele Menschen miteinem Ja und Nein oder gar Ja obgleich Nein.*) DieReligion verliert damit die Funktion, welche ihr nach Carlyleim Leben der Gesellschaft zukommt. Ihre Bedeutung bestehtin gesunden Zeiten darin, daß sie den Mittelpunkt, um densich das Dasein des einzelnen bewegt, aus dem Individuumhinausvcrlegt. Ganz anders heute. Die Religion wird zumMittel für ein diesseitiges und, soweit man noch daranglaubt, ein jenseitiges Wohlergehen aufgefaßt. Der Schwer-punkt des Daseins rückt damit in das Individuum zurück.Trotz äußerer religiöser Formen ist das Handeln des Men-schen vom Egoismus beherrscht, d. h. antisozial. Die Re-ligion hat, wie Carlyle sarkastisch sich ausdrückt,ihre Zu-flucht in den Magen genommen".

Der Geist der Unwahrheit verbreitet sich über alleZweige des Lebens.Nicht Wahrheit, sondern ein Amalgamvon Wahrheit und Falschheit" scheint nützlich und sicher.In Parlament und auf der Kanzel, in Schrift und Wort,wo immer Menschen einander etwas mitzuteilen haben, folgensie dieser Gewohnheit. Die menschliche Rede ist nicht mehrwahr! Ein feines Gift der Lüge durchdringt die ganze Ge-sellschaft."^)

Kein Engländer," sagt Carlyle,wagt mehr die Wahr-heit zu glauben. Seit 200 Jahren ist er eingehüllt inLügen jeder Art. Er hält die Wahrheit für gefährlich, undman sieht ihn überall bemüht, dieselbe dadurch zu mildern,daß er eine Lüge mitgehen heißt und beide zusammenspannt.Das nennt er den sichern Mittelweg."***)

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