Allen diesen Erscheinungen liegt ein Skeptizismus zuGrunde, der sich noch in den Deckmantel der Orthodoxiehüllt. Wie anders jene Puritaner! Ihnen war ihre Welt-anschauung das wichtigste, gegen die ihnen alles zeitlichegering schien, und sie waren „schrecklich im Ernst".
Zeitweilig hatte es geschienen, als ob der Heuchelei derSieg zufallen solle. Aber heute ist ihre Niederlage ent-schieden. Die Menschen haben sich wiederum gegen falscheFormeln erhoben nnd erklären offen, lieber nichts, als un-glaubliches glauben zu wollen: ein allumfassender Protestan-tismus. Sein Erzeugnis war die atheistische und politischradikale Weltanschauung, welcher die Gegenwart gehört.Durch sie findet der Jesuitismus sein Ende. „Er hat inseinen Untergang eine ganze Welt mit hineingezogen, dieeinst lebend und schön war, jetzt tot und schrecklich ist."")Entgegen der Gewohnheit der konservativen Schriftsteller hatCarlyle die Macht der gegnerischen Richtungen eher über-als unterschätzt. Während eines langen Lebens hatte erGelegenheit, in seinem Heimatlande das unaufhaltsame Vor-dringen jenes Individualismus zu beobachten, das auf demGebiete des Glaubens wie des Staates Auflösung bedeutet.Zugleich aber sah er ein, daß die alte Ordnung, einesGlaubensinhaltes bar, dem revolutionären Ansturm gegen-über schwach sei, und daß das neue nur von neueren Rich-tungen besiegt werden könne. Letztere aber sah er noch inweiter Ferne. Diese Beobachtungen verdüsterten den Lebens-abend Carlyles.
Carlyle betrachtete diese Entwicklung nicht ohne einegewisse Genugthuung. Bedeutete sie doch den Unter-gang einer sündigen und unwahren Welt. „Der Tag derAbrechnung," sagt Carlyle, „langsam herankommend, ist jetztendlich für Europa da; er klopft auch an die Thür vonEngland , und jetzt wird man sehen, ob allgemeines Vorgebenvon Glauben eiue Regel für das menschliche Leben bildenkann, ob ehrenwerte jüdische und andere Fetische verbunden
*) I^ttsr ?^raxllsts S. 369.