Druckschrift 
Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
Seite
78
Einzelbild herunterladen
 

78

Zweites Kapitel.(Larlyles Geschichtsphilosophie.

Civilisation, von jedem möglichen Gesichtspunkte ausbetrachtet, ist die Bekämpfung der animalischen Triebe"dieses Wort Stuart Mills , welches man bei diesem vielsei-tigen, aber nicht originellen Denker auf den Einfluß Carlylesund Comtcs zurückführt, bezeichnet geradezu den Grundge-danken von Carlyles Gcschichtsphilosophie. Die ganze Ge-schichte löste sich ihm auf in den Gegensatz von Altruismusund Individualismus. In ersterem sah er das sozial kon-struktive, in letzterem das sozial destruktive Element; ersteresbringe die das Denken nnd Handeln einer Zeit beherrschendeGedankenwelt, die sogenannteninneren Formen" und damitauch das äußere Geschehen, die sozialen Organisationen her-vor; letzteres, nur zeitweise zurückgedrängt, wirke zerstörendauf beiden Gebieten.

Aber für Carlyle war es nicht ein Kampf abstrakterPrinzipien, vielmehr entsprechend seiner konkreten Denkweiseder viclverschlungene, mit wechselndem Erfolge, heute an-scheinend oft unglücklich geführte Kampf des -Christentumsum die Unterwerfung der Welt, Christentum uud Revolutionwaren ihm die beiden Pole der Geschichte.

Carlyles Ansichten finden ihre Erklärung in seiner eignenEntwicklung. Aufgewachsen war er in einem streng Puri-tanischen Kreise, uutcr Menschen, deren Großeltern noch fürihren Glauben das Leben gelassen hatten; das erste geschicht-liche Ereignis, das auf ihn Eindruck machte, war die fran-zösische Revolution. Indem er alle Bildungselemente seinerindividualistisch gerichteten Zeit sich aneignete, wurde er soin besonders hohem Maße in stand gesetzt, die Denkweisenverschiedener, ja entgegengesetzter Zeiten nachzuempfinden, ihre