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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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innersten Triebfedern zu verstehen.Die Menschen," sagtTaine,haben nicht große Dinge ohne große Leidenschaftenhervorgebracht. Der erste nnd herrschende Beweger eineraußergewöhnlichen Umwälzung ist ein außergewöhnlichesGefühl. Den Geschichtsschrciber muß eine biegsame Sym-pathie in erloschene oder fremd gewordene Gefühle zurück-führen".*) Hierauf beruht Carlyles Größe als eines Geschichts-schreibers und Geschichtsphilosophen.

Das Christentum.Wenn nach Carlyle die Erziehung des menschlichenWillens vom Individualismus zum Altruismus das eigent-liche Grundthema der Geschichte des Einzelnen, wie desMenschengeschlechtes ist, so ergiebt sich schon hieraus, daß erdem Auftreten der christlichen Religion eine ganz besondere,ja unvergleichliche Bedeutung beilegen muß. Wie ihm inseinem Leben jener Wendepunkt am wichtigsten schien, dener nach der Sprechweise seiner Puritanischen Väter alsKonversion" bezeichnete, so könnte man in seinem Sinnedas Christentum als dieKonversion" der Menschheit be-zeichnen.

Nicht, als ob Carlyle sich dem verschlossen hätte, daßauch in der vorchristlichen Welt bereits altruistische Momentevorhanden gewesen seien. Waren doch vielmehr nach CarlylesMeinung ihrem Wirken seit jeher alle gesellschaftlichen Bil-dungen entsprungen.

In der Geschichte des klassischen Altertums finden sichdie großartigsten Beispiele heldenhafter Hingabe. Dieselbenbeweisen, daß es eine Anzahl von Glaubensvorstellungen,von Carlyle sogenanntenSymbolen", gegeben haben muß,welche außerordentliche Macht über die Gemüter besaßen.Ein weiteres Zeichen hierfür ist die Entfaltung der griechi-schen Kunst. Obgleich Carlyle als einem Nordländer undCalvinisten ästhetische Interessen fern lagen, so finden sichdoch einzelne Bemerkungen über Kunst in seinen Werken

K. 'I^ivs, I/i<1ök1isills avAlkis. S. 252.