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zerstreut, welche beweisen, daß ihm bewußt war, wie sehrdie griechische Kunst lediglich der Ausdruck jener klassischenIdeenwelt war, mit deren Verfall sie selbst von ihrer Höheherabsank.*)
Aber jene Gedankenwelt, welche das Altertum, so langees positiver Natur war, beherrschte, trug doch einen gewissenbeschränkten Charakter. Prinzipiell hatte sich die Menschheitnoch nicht über das Ungesellschaftliche, den Individualismus,erhoben; alle Handlungen, die der entgegengesetzten Motivationentsprangen, waren Ausnahme. Der Grieche mochte sichwillig für seine Vaterstadt opfern, aber alle Nichtgriechenwaren ihm Barbaren. Mit ihnen vereinte ihn kein gemein-sames Band; der Fremde war der Feind, den zu übervor-teilen, zu schädigen erlaubt schien. Eng damit hing dieSklaverei zusammen, die für die Alten in der vollkommenenEntwicklung weniger Begünstigter ihre Berechtigung fand.
Für das Christentum dagegen war kein Mensch mehrMittel, jeder vielmehr Zweck, des transcendenten Endzielsdes menschlichen Daseins wegen. Die Grundstimmung desAltertums war durchaus aristokratisch, die des Christentumsin seiner ursprünglichen Form demokratisch, indem es sichgerade an die Armen, Gedrückten, Verlassenen wandte. Esfehlte dem Altertum das, was Goethe in einem Worte, wel-ches auf Carlyle tiefen Eindruck gemacht hat, „die Ehrfurchtvor dem, was unter uns ist", genannt hat. Damit habe,sagt Goethe, die Religion ihre letzte , höchste Stufe erreicht,indem sie die Menschheit lehre, auch „Niedrigkeit und Armut,Schmach und Elend als göttlich anzuerkennen, ja Sündeselbst und Verbrechen nicht als Hindernisse, sondern alsFördernissc des Heiligen zu verehren und lieb zu gewinnen".**)
Als die „inneren Formen" der alten Welt zerfielen, ge-langte der Individualismus mehr und mehr in den Vorder-grund. Carlyle findet ihn in sämtlichen griechischen Philo-
*) Vergl. die schöne Bemerkung Carlyles über Äschylos iniLg-rtm- R.ssg,rw8, Fischer, Carlyle, 1882, S> 50, ferner Lai-l^le,I^ttsr vs.^ ?g,rnr>Iilst8 <1idra,iF säition) S. 386.