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sophien, welche den alten Glauben zerstörten. Das Indivi-duum war ihr Ausgangspunkt und sein Wohlsein ihr Ziel.Als dann mit fortschreitender Auflösung der Individualis-mus die Frucht des Pessimismus zu zeitigen begann, warder Endpunkt, zu dem die antike Welt aufstieg, die Welt-Verachtung des Stoikers.*)
Aber es giebt, sagt Carlyle, etwas Höheres, als stolzenStoikismus. „Es ist geringfügig genug, wenu du — wieder alte Zeno dich lehrte — die Erde unter dir verachtenkannst, weil sie dir Leiden bringt; du kannst die Erde lieben;obgleich sie dir Leiden bringt, ja weil sie dir Leiden bringt.Aber dafür war ein Größerer notwendig als Zeno, undauch er ward gesandt."**)
Während die alte Welt Schmerzen und Leiden als daszu fliehende, Leben und Lebensgenuß als das zu suchendeGut betrachtet, setzte das Christentum dem Individualismusdie Entsagung entgegen, jenen Akt, mit dem nach Carlyledas Leben wahrhaft beginnt.
Daher der völlige Unterschied, die Unverglcichlichkeit desChristentums mit jeder vorhergegangenen Weltanschauung.***)„Die christliche Lehre, jene Lehre der Demut, in jeder Be-ziehung göttlich und der Quell göttlicher Tugenden, ist wederüberlegen, noch unterlegen, noch gleichzustellen irgend einerLehre des Sokrates oder Thales. Denn sie ist ganz andererNatur und so sehr von diesen verschieden, wie etwa ein voll-endetes praktisches Werk von einem richtigen Rcchenexempel.Derjenige, welcher sie mit diesem Maßstabe mißt, mag aller-dings klagen, daß ihm über den Buchstaben hinaus die gött-liche Demut noch unbekannt, daß das erhabenste Gefühl,welches der Menschheit verliehen worden ist! ihm noch ver-borgen sei." Ich habe darauf hingewiesen, daß Carlyle dievom Christentum verlangte Entsagung nicht asketisch auffaßt.Vielmehr tritt sie in Erscheinung allein in der von ihr un-
*) Vergl. den Brief an Mrs. Carlyle, (Flügel).**) 8g,rtor Rssartus S. 185 slibiÄr^ süitiou>.***) 8g,rtor Rös»rtus S. 185 (lidrar^ süition).
v. S chulzc-Gävernitz, Carlyle. ß