— 82 —
trennbaren positiven Seite, der „Liebe", und die Liebe findetihren Ausdruck in der „Arbeit". Liebe und Arbeit in demSinne, wie Carlyle diese Ausdrücke faßt, als Gesinnung undThätigkeit, die auf überindividuelle Zwecke gerichtet sind,werden in weitester Form erst durch das Christentum er-möglicht. Es beruht dies auf seinem inneren Wesen.
Einmal hat es die Bedingung, auf welcher nach Carlylealles menschliche, d. h. soziale Dasein beruht, nämlich daßSelbstsucht das gesellschaftszerstörende, Liebe und Hingabedas gesellschaftsaufbauende Prinzip ist, in dieser allgemeinenWeise zuerst ausgesprochen. Es beruht dies auf einer Ver-tiefung seines Gottcsbegriffes. Während alle Ideale, diebisher das menschliche Handeln altruistisch bestimmt hatten,beschränkter Natur waren d. h. mehr oder weniger zugleichindividualistische Motive mit in Bewegung setzten, tritt inder christlichen Gottesidee ein unbeschränktes, allumfassendesIdeal auf.
Aber Religion ist ein innerlicher Akt, der nicht dadurchverwirklicht wird, daß er gelehrt, sondern daß er gelebt wird.„Wenn du mich sragst, bis zu welcher Höhe die Menschheitin der Religion gestiegen, so sage ich. schaue auf unser gött-lichstes Symbol: Jesus von Nazareth und sein Leben.'"")Für den Stifter des Christentums, wie für seine Nachfolgerist Gott „die Thatsache der Thatsachen", d. h. das wahrhaftreale Ziel des Wollens, dem alle anderen Ziele des mensch'liehen Daseins sich unter-, ja einordneten.*^)
Carlyle ist ein Kind des Zeitalters Kants, ein Kämpfergegen Spekulation und Dogmatismus. Voll historischenSinnes erhebt er sich vom Boden der religiösen Stimmungseiner puritanischen Väter aus und vielfach im Anschluß anGoethe zu eiuem Standpunkte, der von dem in folgendemSatze enthaltenen wenig abweicht. „Die evangelische Kirche
*) Ls-i-tor Rsss-rtus S. 217, 221; ähnlich lütter vs,^xlilsts, lidrs-rz^ öäition S. 367.
**) L^rtor Rsss-rtus S. 186. Vergl. ferner ?s,8t s,nä ?rs8snt,Ausgabe von Kretzschmar S. 214.