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muß mit den andern äußeren katholischen Autoritäten auchdie äußere Autorität des geschriebenen, für unfehlbar gehal-tenen Wortes aufgeben; aber sie muß zugleich ihren Stand-punkt in der Glaubenslehre dort nehmen, wo ihn der Glaubenimmt, nämlich in der Person Christi, wie sie aus demEvangelium hervorleuchtet."*)
Daß wir nicht zuviel sagen, ergiebt sich aus CarlylesStellungnahme zu den zeitgemäßen Einwendungen gegen dasChristentum.
Diese Angriffe richten sich zunächst gegen die über-lieferten Dogmen, die für viele Christentum selbst bedeuten.Kein Wunder, daß diese Versuche längst vergangener Jahr-hunderte, die christliche Religion gcdankenmäßig zu fassen,für das neunzehnte Jahrhundert unbrauchbar geworden sind.Aber hieraus folgt für Carlyle nur, daß wir die Pflichthaben, die alte und unvergängliche Wahrheit in neue, unsangemessene Formen zu kleiden — eine Aufgabe, derenLösung, wie ihm klar ist, von dem deutschen Denken ab-hängt.**) Carlyle steht auf dem Standpunkte, daß nichtDogmen autoritativ zu glauben, sondern Dogmen zu bauenallemal die Sache religiös bedeutender Zeiten sei.
Die zweite Reihe von Angriffen richtet sich gegen dieUrkunden der christlichen Religion. Carlyle bemerkt hierzu,daß alle Angriffe, welche gegen die Bibel sich richte», lediglichdie Prätension der sogenannten Inspiration treffen. „Diesist die einzige Mauer," sagt er, „gegen welche sie seit langenJahren mit unzähligen Sturmböcken anrennen. Räumeihnen diese ein, und der Sturmbock schwingt frei hin undzurück durch den Raum, ohne irgend etwas weiter zu be-drohen."***)
Aber die Vorstellung der Inspiration, welche mit demZustande unseres heutigen Denkens unvereinbar ist, hat doch,wie alle derartigen Vorstellungen, für Carlyle einen wahren