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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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religiösen Kern, War sie doch ihrer Zeit der Ausdruck derrichtigen Überzeugung, daß eine Religion, die den Menschenpraktisch beherrschen soll, auf mehr als einer bloßen histo-rischen Überlieferung beruhen muß. Carlyle findet dieseGrundtage in der Natur des Menschen gegeben; die christ-liche Religion hat nichts anderes als das ausgesprocheneund bewußt gewordene Gesetz, auf dem das menschliche Lebenüberhaupt beruht, dasNaturgesetz" des sozialen Daseins,zum Gegenstände.

Dementsprechend kann Carlyle sagen, die christliche Re-ligion stehe im Menschen geschriebenmit geheimnisvollenaber unverlöschtichen Buchstaben, mit denen verglichen Bücherund alle authentischen Offenbarungen nur nebensächlicheDinge sind".Hierin," meint er,liegt der wesentlichstePunkt der ganzen Frage, mit deren Bejahung die christlicheReligion für immer steht oder fällt,"*) eine Frage, welchevon den Weisen aller Zeiten, auch denen seiner Zeit undhier denkt Carlyle an Goethe^) in gleichem Sinne ent-schieden worden sei.

Die dritte Reihe von Angriffen, welche scheinbar diegefährlichsten sind, richtet sich gegen den Inhalt der heiligenGeschichte selbst. Dieselbe ist durchsetzt von Wundererzäh-lungcn, welche eiust die Religion als solche legitimieren sollten,aber heutzutage den Hauptanstoß bilden. Auch hier stehtCarlyle auf dem Boden seiner Zeit, ohne den religiös wert-vollen Kern des Wunderglaubens zu verkennen.

Nach Carlyle beruht alle Religion auf der Überzeugungeiner nur relativen Bedeutung der sinnlichen Erscheinunggegenüber einer mächtigeren Wirklichkeit. Wenn dieser Ge-danke in dem Idealismus der neueren deutscheu Philosophieseinen wissenschaftlichen Ausdruck gefunden hat, so bedürfteer und bedarf er noch heute für das Verständnis der Masseder Einkleidung in die Wundererzählung. Denn nur das

*) Nisesll. Ls. II. S. 233.**) An anderer Stelle beruft sich Carlyle auf Fichte und diedeutsche Philosophie, z. B. Sartoi- Rss^rws S. 187.