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Durchbrechen des gewöhnlichen Laufes der Diuge durch einübernatürliches Ereignis stellt für diesen Standpunkt dasDasein einer jenseitigen Welt und die beschränkte Geltungder Sinnlichkeit fest. Daher von allen ReligiousstiftcruWunderthnten berichtet werden.
Auch ist für diesen intellektuellen Standpunkt das Wunderdurchaus nicht unannehmbar. So lange die Sinnenwelt eineSumme von vereinzelten Thatsachen darstellt, erscheint jeder-zeit ein Ereignis möglich, das dem gewöhnlichen Gang derDinge widerspricht.
Später dagegen schließt sich die Sinncnwelt zu einemdurch Gesetz beherrschten System zusammen. Sie wird phi-losophisch genommen eine Thatsache — ein Ausdruck der Ein-heit des erkennenden Subjekts, wie denn die Überzeugungvon der Uuverletzlichkeit der Naturgesetze Hand in Handgeht mit der Einsicht von der Subjektivität der siuulichcuErscheinung. Es tritt alsdann ein Punkt ein, wo Wuuder,d. h. jede Unterbrechung dieses Zusammenhanges im natür-lichen Geschehen, gerade seiner Subjektivität wegen d. h. auserkenntnistheoretischen Gründen unannehmbar wird. Carlylehat es in einer Zeit, in der selbst die Massen weithin demWunderglauben entwachsen sind, für seine Pflicht gehalten,dies auf das nachdrücklichste zu betonen, gerade im Interesseder Religion. „Was unglaublich ist, das glaube nicht," rufter. „Bei deinem Seelenheil versuche es nicht. Nicht derspitzfindigste Hokuspokus wird dir hierzu etwas helfen —und es ist entsetzlich gefährlich, gerade auf diesem Gebiete."'^Besteht doch Religion nicht, wie man heutzutage versucht istanzunehmen, aus den Thatsachen , welche der Mensch ammeisten bezweifelt, sondern aus den wenigen Thatsachen , welchefür ihn unbestreitbar sind. Jede Bemühung, zu glauben,was man nicht glauben kann, wird den Menschen ans dieDauer innerlich unwahr und schwankend machen.
Eine großartige Beschreibung dieser inneren Kämpfe,
*) Vergl. llts ok 8tsi-linA S. 54, 84, 85, 92 u. a.