— 36 —
wie sie die heutige Zeit mit sich bringt und der Gefahreneines Opfers des Intellektes, welches schwachen Naturen nurzu nahe liegt, hat Carlyle in seiner Biographie I. Sterlingsgegeben — eines hochherzigen Mannes, welcher in einerpositiven Zeit und unter einer gegebenen Weltanschauungsich zu einem Charakter entwickelt hätte, aber nicht starkgenug war, eine negative Zeit aus sich heraus und ohneRückfall in vergangene Denkformen zu überwinden. Nochim hohen Greisciialter hat Carlyle seinen Standpunkt zumWunderglauben, wie Fronde berichtet, festzuhalten erklärt undselbst die als grundlegend angesehenen Wunder der biblischenErzählung ausdrücklich verworfen.
Aber Carlyle ist weit entfernt von der Annahme, daßmit den Wundern die Religion falle. So lange die Menschendie Sinnenwelt für real nehmen, mußten sie durch Wunderhandgreiflich an die Existenz eines Jenseits erinnert werden.Demjenigen dagegen, dem die Sinnenwelt Erscheinung ge-worden ist, sind Wunder nicht nur unglaublich, sondern anchentbehrlich. „Die ganze Welt ist ihm ein Wunder", Äuße-rung einer vom Denken schlechterdings unfaßbaren Macht.
Für Carlyle berührt der Gegensatz zwischen Wissenschaftund Christentum nur Punkte äußerlicher Natur. Weit ent-fernt, eine „Selbstzersetzung des Christentums" anzunehmen,ist Carlyles Standpunkt gegensätzlich zu A. Comte , mit demihm sonst so vieles gemeinsam ist, im wesentlichen der Goethes,wie ihn dieser vielfach, z. B. in dem berühmten Gesprächemit Eckermann vom 11. März 1832 ausgesprochen hat.„Echt sei dasjenige zu nennen, was mit der reinsten Naturund Vernunft in Harmonie steht und uoch heute unsrerhöchsten Entwicklung dient." In diesem Sinne halte er, ob-gleich er die Möglichkeit einer weitgehenden Kritik der bibli-schen Überlieferung nicht verkenne, den Inhalt der Evangelienfür echt, „Mag die geistige Kultur nun immer fortschreiten,mögen die Naturwissenschaften in immer breiterer Ausdehnungund Tiefe wachsen, und der menschliche Geist sich erweitern,wie er will, über die Hoheit und sittliche Kultur des