— 87 —
Christentums, wie er in den Evangelien schimmert, wird ernicht hinauskommen."*)
In ähnlicher Weise äußert sich Carlyle, daß das Christen-tum, einmal hier, nicht wieder vergehen kann. „Die Pfortender Hölle sollen es nicht überwältigen."^) „Sein Tempelliegt jetzt zwar in Trümmern," sagt er an anderer Stelle,„mit Gestrüpp überwachsen und die Wohnstätte traurigerGeschöpfe. Aber trotzdem mache dich danach auf. In einemtiefen Gewölbe, geborgen vor den fallenden Trümmern,findest du noch den Altar und brennt die Lampe auf immerund ewig."^*)
Die Stellung Carlyles zum Christentum ist um deswillenwichtig, weil dasselbe nach ihm auf die europäische Ver-gangenheit den bestimmenden Einfluß geübt hat.f) Wennnach Macchiavclli Staaten durch dieselben Gründe erhaltenwerden, durch welche sie entstanden sind, so gilt dies nachCarlyle noch mehr von einer ganzen Knlturwelt. Er erklärtgewissen Weltverbesserern gegenüber, welche hoffen, daß eineneue Religion in Bälde das Christentum ersetzen und dassoziale Millenium bringen werde, ein solches werde nie kommen,da sie ja die Religion hätten, die sie annehmen oder ver-werfen könnten.ff)
Wenn Carlyle der allenthalben sich vollziehenden Zer-setzung gegenüber eine Reform der Gesellschaft für möglichhält, so beruht dies in letzter Linie auf seiner soeben ange-deuteten Stellung zum Christentum. Mau verkenne jedochnicht, daß das, was Carlyle unter Christentum versteht, weitverschieden ist von der zeitgenössischen Kirchenlehre, wie sieihm in seinem Heimatlande entgegentrat. Diese hielt er der
*) Vergl. ferner auch Wilhelm Meisters Wanderjahre, Buch II.Kap. I.
**> Nisosll. Ls. II. S. 172.
Larwr Rssarws. S. 185.f) Nisosll. Ds. II. S. 328. „Das Christentum muß r>onGläubigen wie Ungläubigen für alle Zeit betrachtet werden als dasLeben und die Seele unsrer modernen Kultur."
1"i) Vergl. auch ?ast a-nä krsssvt,, Ausgabe von Kretzschmar,S. 214.
>