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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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Gegenwart für unangemessen, ihren Untergang für unver-meidlich. Den Auszug ausHormäsäitLb", wie er die eng-lische Hochkirche benannte, aus der Welt unglaublich gewor-dener Formeln und Dogmen, betrachtete er als eine Haupt-aufgabe seiner Zeit.

Das Mittelalter.

Das Christentum hat einer Welt des Individualismusdie Möglichkeit des Glaubens wiedergegeben, in die Zer-setzung Keime neuen, organischen Lebens gelegt: das groß-artigste Beispiel einer sozialen Reform.

Neben dem Christentum ist nach Carlyle vor allem dasgroße teutonische Geschlecht" an dieser Entwicklung beteiligt.Ihm mißt er die Aufgabe der Welteroberuug und Weltorga-nisation bei. Indem es die alte Welt unterwarf und selbstvon dem Höchsten, was sie hervorgebracht hatte, dem Christen-tum, ergriffen wurde, verschmolz es die europäischen Völkerzu einer neuen Einheit. Das Beste, was die romanischenVölker besitzen, sagt Carlyle, verdanken sie dem germanischenBlut in ihren Adern/")

Zu dem sozialen Aufbau brachten die Germanen dasElement der Treue, auf welchem nach Carlyle jede ursprüng-liche Gesellschaft beruht.

Die große Thatsache dieser Periode," sagt Carlylevom Mittelalter,ist Glaube und neben dem Glauben Treue.Auf jenem baute sich die Kirche des Mittelalters auf, Treuedagegen war die Grundlage des Staates." Der Besitz einerfeststehenden Lebensthcorie ist es, der das Mittelalter aus-zeichnet. Jahrhunderte arbeiteten an der Ausgestaltung dermittelalterlichen Weltanschauung, bis sie endlich im zwölftenund dreizehnten Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte. Siefindet ihren Sprecher in Dante, welcher deswegen für Carlylevon höchstem Interesse ist.

Es besteht ein tiefgreifender Unterschied zwischen derDenkweise eines mittelalterlichen und eines modernen Men-

*) Sdepsrsä, Liu-I^ls, S. 174.