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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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schen. Das irdische Leben besitzt für den mittelalterlichenMenschen nur eine beschränkte Wirklichkeit gegenüber einerewigen und unendlichen Wirklichkeit. Seine Gedanken gehenohne Schwierigkeit von der einen Welt zur andern über.Jene ist ihm im Grunde ebenso übernatürlich, wie diese.Die Begriffegut" undschlecht" fallen ihm nicht mit denenvonnützlich" undschädlich" zusammen. Im Gegentheilbesteht diejenige Handlungsweise, welche jene Zeiten alsgut" bezeichnen, in einer Hingabe an Ideen und Aufopfe-rung des Individuums.Gut" undschlecht" waren durch-aus unvergleichlich, nicht nur durch Gradunterschiede ver-bunden; sie gehörten verschiedenen Welten an. Diese An-schauung vom transcendenten Charakter des sittlichen Gutesfand in der Vorstellung von Himmel und Hölle ihren Aus-druck ; es war dies die ihrer Zeit angemessenste Verkörperungeiner Wahrheit, die anders als im Gleichnis nicht zu fassenist. Für Dante und sein Zeitalter bestand die Welt desGlaubens in fester, greifbarer Gestalt.Er zweifelte sowenig daran, daß der Malebolge Pfuhl mit seinen dunkelnZirkeln und hohen Wirbeln vorhanden sei, und daß er ihnselber schen würde, als wir daran zweifeln, daß wir Kon-stantinopel sehen würden, wenn wir uns dahin auf den Wegmachten."*)

Dieses System der Glaubensvorstellungen war aber eineThatsache von größter Praktischer Wichtigkeit.Meinung undThätigkeit," sagt Carlyle,hatten sich noch nicht entzweit,sondern die erstere erzeugte die letztere oder versuchte sie zuerzeugen, ebenso, wie der Stempel seinen Abdruck bewirkt,so lange das Wachs noch nicht hart geworden ist."**)

Entsprechend den inneren Formen bildete sich ein Systemder äußeren Formen der Gesellschaft aus: autoritativ gegebeneLebenswege, in die der Einzelne hineingeboren wurde. SeineThätigkeit richtete sich ans außerhalb des Individuums lie-gende Ziele; sie gewann so den Charakter der Arbeit im

*) Lsroö8 Äncl lisrovoi-sliix, S. 106.*) Kretzschmar II. S. 226.