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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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Carlyleschen Sinn. Als Ergebnisse dieser Arbeit ragen heutedie Dome der mittelalterlichen Städte in ein fremd gewor-denes Zeitalter.

Wenn so der Mensch in Denken und Handeln noch einunentzweites Ganze darstellte, so war er dabei nicht isoliertesIndividuum, sondern Glied eines Organismus. Genossen-schaftlicher Aufbau ist ueben Arbeit das Merkmal des Mittcl-alters. Durch diese Organisation wurde der eine mit demandern näher oder ferner verbunden. Jeder hatte seinenbestimmten Platz auf der sozialen Stufeuleiter, welche ihmseiu Dasein gewährleistete.

Auch von dem, auf dem die Last des sozialen Systemsruhte, dem Knechte, galt dieses. Wir zitieren folgende Stelle,welche Carlyles Auffassung von Mittelalter und Neuzeitcharakterisiert:Gurth, der geborne Leibeigne Cedrics desSachsen, ist bemitleidet worden. Gurth, mit dem metallenenHalsbande und Cedrics Schweine hütend, ist allerdings nichtdas, was ich ein Muster menschlicher Glückseligkeit nennenmöchte. Aber dennoch scheint mir Gurth, der den Himmelüber sich, die freie Luft und das schattige Gebüsch um sichund in sich wenigstens die Gewißheit eines Abendbrotes undeiner geselligen Wohnung hat, Gurth scheint mir glücklich imVergleich mit manchem Arbeiter von Lancashire und Bucking-bamshire in unsrer Zeit, der nicht der geborne Sklave irgendjemandes ist. Gurths metallenes Halsband kränkte ihn keines-wegs, denn Cedric verdiente sein Herr zu sein. Die Schweinegehörten Cedric, aber auch Gurth bekam seinen kleinen Anteildavon. Gurth genoß die unaussprechliche Befriedigung, sich,wenn auch auf rohe Halsbaudmanier, doch auf unauflöslicheWeise an seine Mitmenschen gefesselt zu fühlen. Er hatteVorgesetzte, Gleichgestellte, Untergebene. Gurth ist längstemanzipiert". Er besitzt, was wir Freiheit nennen. DieFreiheit, sagt man mir, sei etwas Göttliches. Aber Freiheitist gerade nicht göttlich, wenn sie die Freiheit ist, zu ver-hungern."*)

Vergl. Kretzschmar, Vergangenheit und Gegenwart, S. 200.