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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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Ein weiteres Merkmal des Mittelalters ist für Carlylcalso die Gesellschaftsgliederung. Jede Gesellschaft muß sichnach seiner Ansicht in der einen oder andern Form aristo-kratisch gliedern, worauf gerade ihr Wesen beruht, da nichtGleichheit, sondern Vielheit die Eigentümlichkeit des Orga-nismus ausmacht. Bemerkenswert aber ist, wie sehr jeneZeit die tauglichen Männer zur Herrschaft zu bringen ver-stand.Die tapfersten Männer, die, wie nicht genug wieder-holt werden kann, im ganzen genommen auch die weisesten,stärksten und in jeder Hinsicht besten sind, Waren hier ineinem anerkennenswerten Grade von Genauigkeit gewähltworden, und jeder saß auf seinem Stück Land, welches ihmgeliehen oder geschenkt war, damit er es regiere,"*)

Carlyle hat die Eigentümlichkeiten des Mittelalters ins-besondere an der Hand der englischen Geschichte studiert undentnimmt ihr zumeist seine Beispiele. Mit besonderer Vor-liebe verweilt er bei jenen harten Königen der Normanncn-zeit, die mit eiserner Faust das Reich zusammenfaßten. IhrLeben war keingeierhaftes Reißen um die Beute, sondernein kräftiges Regieren." Von Kämpfen freilich war die Zeiterfüllt, aber dieselben dienten dazu, zu ermitteln, wer dieMacht und damit das Recht über den andern hätte.Durchvielen und hitzigen Kampf stoben die zu Staub geschlagenenUnWirklichkeiten hinweg und hinterließen die schlichte Wirk-lichkeit und Thatsache : du bist stärker als ich, klüger als ich,du bist Herrscher, ich Unterthan."**) Damals gab es inder That Könige, nicht solche, denen man erschreckt zurief:Ibisses kaire, thut nichts, verzehrt euern Lohn und schlaft.

Ebensowenig war die Feudalaristokratie eine eingebildete.Diese Jarls, welche wir jetzt Carls nennen, waren nicht nurdem Worte, sondern der That nach starke Männer, ihreHerzöge Anführer, ihre Lords I^v-warSs, d. i. Gcsetzeshüter.Sie besorgten Landesverteidigung und Polizei, Gesetzgebungund Rechtsprechung, sogar die Ausbreitung der Kirche." Es

*> ?s.gt anä ?i-sssnt, Ausg. von Kretzschmar, S. 261,?ast a,vÄ ?rsssnt, Ausg. von Kretzschmar, S. 231.