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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
Seite
92
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waren nicht etwa gemietete Rcgierer, die vielleicht gar dieBezahlung einstrichen und das Regieren ließen, sondern siefühlten sich zu ihrer Stellung und damit zur Herrschaft vonoben berufen. Letztere war damals nicht ein Mittel für denEhrgeiz oder die Genußsucht des Einzelnen, sondern eineArt göttlicher Mission.

Von diesen Grundlagen aus entwickelte sich die viel-gerühmte englische Verfassung. Sie ist nicht ein Muster,das man beliebig nachahmen kann, sondern ein Ergebnisder eigentümlichen Verhältnisse Englands .

Sie blieb nach Carlylc auch dort nur so lange gesund,als ihre Grundlagen die gleichen blieben, d. h. als dasParlament eine Versammlung thatsächlich herrschender Per-sonen war, Peers, Äbte, Lords , Ritter der Grafschaftenund Stadtobrigkciten, von denen ein jeder sein Teil desLandes thatsächlich regierte.

Mehr noch als die politische Geschichte interessierteCarlyle das tägliche Leben des Mittelalters. So hat Car-lyle an der Hand des Tagebuches eines gewissen Jocelinusde Bracelonda den Unterschied zwischen der Denk- und Mo-tivationsweisc des mittelalterlichen und modernen Menschenbesprochen. Verfasser genannter Chronik*) lebte im XII. Jahr-hundert im Kloster des heiligen Edmund zu Edmundsbutt)und hat in naiver Weise das, was ihm von den Ereignissenseines täglichen Lebens von Bedeutung war, aufgezeichnet kein bedeutender, sondern ein Durchschnittsmensch, abergerade darum für seiue Zeit bezeichnend.

Carlyle erzählt, etwa drei Jahrhunderte vor Abfassungder Chronik habe in jener Gegend ein Mann mit NamenEdmund gelebt, ein Machthaber in den östlichen Grafschaften,der ein sehr eigentümlicher Mensch und Gutsherr gewesensein muß." Von seinem Leben ist nur wenig bekannt. Je-doch steht fest, daß seine Untergebenen sich nicht über ihnbeklagten, daß es seinen Arbeitern nicht einfiel, seine Scheuern

*1 LliroNiea, ^ooliivi cls Lrg,oslonll^, <ls rslius Aöstis Lain-soiiis g-lzliatis. 1/onclon, 1840.