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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
Seite
115
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Ähnlich beurteilte noch der Greis, wie uns Froude inseinem Leben Carlyles erzählt, die Pariser Kommune desJahres 1871, Ihr gegenüber wüßten die englischen Mittel-kassen nichts zu sagen als: Gott sei Dank, daß wir andreMenschen sind. Für Carlyle dagegen war dieser Ausbruchunterdrückter Leidenschaft der Massen nichts weniger alsein lokales oder ausnahmsweises Ereignis. Vielmehr nahmer an, daß in ganz Europa gleiche Stimmungen weit ver-breitet seieni in Paris aber hätten sie, nachdem der Druck,der sie zurückhielt, einen Augenblick gewichen sei, sich mitSchrecken offenbart. Diestumme Kreatur", welcher derartikulierte Ausdruck versagt sei, habe hier wieder einmalin fürchterlicher Weise zu deu oberen Klassen ganz Europas geredet:Unsre Lage nach achtzig Jahren des Kampfes,ihr Betrüger, ist noch unverändert, unerträglicher von Jahrzu Jahr, von Revolution zu Revolution. Wenn ihr sienicht verbessern könnt, so wollen wir die Welt in die Lustsprengen und uns und euch mit."

Es ist begreiflich, wenn Carlyle tief pessimistisch unsreZeit beurteilt, die ihm, wo er sich hinwendet, Zersetzungoder künftiger Zersetzung verfallenes zeigt. Von diesemGesichtspunkte aus hat er die Revolution als das krönendePhänomen unsrer Zeitgeschichte bezeichnet.

Andererseits aber verleugnet er doch auch hier denOptimismus nicht, welcher als Grundton, wenn auch zeit-weise unhörbar, die Carlylesche Weltanschauung durchzieht.Sind doch nur die Formen bedroht, welche die Voraussetzungeines entsprechenden Glaubensinhaltes verloren haben, derenAuslösung also doch dem Interesse der Wahrheit und derNeugestaltung entspricht. Zu folgendem, eines Platon wür-digen Bilde führt ihn dieser Gedanke:Betrachte denWeltenphönix in Fcuerverbreunung und Feuerschöpfung. Weitsind seine schwingenden Flügel, laut sein Tvdesgesang:Schlachtendonncr und fallende Städte. Himmelwärts schlägtdie Flamme seines Scheiterhaufens, alle Dinge in sich ein-hüllend: Tod und Geburt einer Welt."

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