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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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innerhalb der ganzen Gesellschaft vor. Während für gewisseKreise der Glauben und damit das herrschende System derSitten bereits seine Kraft verloren hat, kann die Mehrzahldes Volkes noch durchaus einer positiven Periode angehören.So können Zeitgenossen thatsächlich oft durch Jahrhundertegetrennt sein und fast die Möglichkeit gegenseitigen Verständ-nisses verloren haben.

Diejenigen Kreise, in denen die Auflösung um sich ge-griffen hat, werden mehr und mehr durch individualistischeMotive bewegt. Wenn alles zweifelhaft geworden ist, sobleibt das allein, was manin einer oder der anderen Weiseessen und verdauen kann", unzweifelhaftes Ziel des Wollens.Alles nach höheren Zielen gerichtete Handeln wird unver-ständlich,Arbeit" im Carlyleschcn Sinne unmöglich. Die-jenigen dagegen, für welche die sozialen Formen noch eineninneren Wert besitzen, arbeiten noch in ihnen weiter undfristen so der Gesellschaft das Leben. Jedoch besteht ihrBoden in Überzeugungen, welche anderen unglaublich ge-worden sind und nur zu leicht auch ihnen zerstört werdenkönnen.Mancher Mensch, der tüchtige Arbeit verrichtet,steht nur auf einer unsicheren Überlieferung (a, tdin tra,äit>io-rmlit^), die für ihn unzweifelhaft, für dich unglaublich ist.Brich sie unter ihm zusammen und er sinkt in endlose Tiefe."

Unter diesen Umständen können die äußeren Formennoch lange aufrecht bleiben, wenn sie auch für viele bereitsihren inneren Wert verloren haben. Denn sie sind objektiveRegeln, die an sich von der subjektiven Beurteilung seitensdes einzelnen unabhängig sind. Andererseits aber sind siedoch nichts als Ausdruck der inneren Formen. Ändern sichdie letzteren, d. h. die Glaubensvorstellungen, so muß auchdas Gesellschaftssystem in ähnlichen Umbildungen nachfolgen.Dieselben werden eine organische Fortentwicklung bedeuten,so lange auf subjektivem Gebiete neue Ideale des Handelnshervorgebracht werden. Tritt dagegen auf letzterem Zer-setzung ein, so werden auch die äußeren Formen nicht mehrweiter entwickelt werden. Einmal bestehend aber erhaltensie sich, obwohl nicht mehr fortbilduugsfähig, noch lange.

v. Schulze-Gävernitz, Carlyle. 5