— 70 —
mag. Sie sind ihm der Finger Gottes in der Gegenwart.Nicht dadurch, daß wir die Gerichte Gottes um ein PaarJahre aufschieben, sondern dadurch, daß sie voll über eineschuldige Welt sich entladen, in allen ihren Folgen unteruns sich ausleben, ist eiue Besserung und Neubelebung zuerwarten.
Hieraus erklärt sich eine gewisse Vorliebe Carlyles ge-rade für die radikalsten unter den Umsturzpartcien, welcheihn für den Durchschnittstory zum Revolutionär stempelt.Freilich würden jene Umstürzler wenig zufrieden sein, wennsie den Grund dieser Vorliebe erführen: Carlyle erklärt offen,daß er in seinem Glauben wankend geworden wäre inmitteneiner ungläubigen Welt, hätten ihm nicht die Revolutionenbewiesen, daß eine Gesellschaft, die auf Unglaube», wie eres ausdrückt, auf der „Nicht-Gott-Hppothese" fuße, nicht aufWahrheit, sondern auf Unwahrheit aufgebaut und deshalbdem Untergänge verfallen sei. „Ihr habt das Universumfalsch ausgelegt. Ihr seid uicht in Übereinstimmung mitseinen Gesetzen, darum werdet ihr von ihm verschlungen.Lügen, d. h. das Vorgeben eines Glaubens, während ihrnur noch an euch selbst glaubt, ist von nuu an unmöglich";dies ist nach Carlyle der Mahnrnf der Revolution an dieZeitgenossen.
Die Revolutionen sind mitten unter Scheinexistenzenwieder große Realitäten, vor denen nichts Stand haltenkann, als was selber Realität ist. Ein Gesellschaftssystem,dessen Formen nicht mehr von Glaubensinhalt erfüllt sind,steht ihnen wehrlos gegenüber. „Alles was vcrbrennbarist, wird verbrannt werden."
Wenn die Entwicklung der negativen Zeiten bis zudiesem Punkte gelangt ist, so wird wieder eine Art vonGlaube« möglich, „ein neuer Glaube", der die Menschen be-geistert, welcher aber dem der positiven Perioden direkt ent-gegengesetzt ist; die Altvordern hätten ihn als den Glaubenan den Tenfel bezeichnet. Während nämlich ein positiverGlaube einen absolut über dem Individuum stehenden Wertzum Gegenstände hat, so vergöttert der negative den Men-