— 71 —
scheu selbst. Da nun aber das Individuum in oonorstostets nur die Selbstsucht des einzelnen anregen kann, so er-findet man das Individuum in adstraeto, dessen Rechte unddessen Wohlbefinden als höchstes Ziel hingestellt werden —in dem aber im Grunde ein jeder sich selbst verehrt. Einsolcher Glaube ist aber nur imstande, die Menschen zu ne-gativem Thun d. h, zur Zerstörung zu vereinigen. Sobaldes sich um die Erreichung positiver Ziele handelt, tritt daskonkrete Individuum an die Stelle des abstrakten und damitder Widerstreit selbstsüchtiger Interessen an Stelle eines ge-meinsamen, durch einen Glauben getragenen Handelns. Fürdas Werk der Zerstörung dagegen ist dieser abstrakte Indi-vidualismus eine Macht ersten Ranges. Er hat ganze Völkerergriffen. Er hält seinen Siegeszug durch die Welt.
Dieser neue Glaube ist im Grunde doch Individualis-mus. Deshalb mangelt den in ihm befangenen Massen jeneEinsicht, die nach Carlyle die Größe des Politikers aus-macht und ihren Grund in der „Sympathie mit den Dingen"hat. So kommt es, daß jene radikalen Richtungen, zwarmächtig durch ihre Folgerichtigkeit, nicht selten von Realpo-litikern unterworfen werden. Mehr oder weniger anknüpfendan gewisse noch bestehende Formen, ist das Streben nachMacht und Herrschaft für sie das treibende Moment. Sosehen wir am Ende der Entwicklung, in nahezu wieder in-dividualistischen Zuständen das reine Herrschaftsverhältniswieder von neuem auftreten, auf nichts gestützt als die Per-sönliche Überlegenheit, in welchem wir das ursprünglichstePhänomen des gesellschaftlichen Lebens erblickt haben. SolcheZeiten gerade sind zur Heldenverehrung (nsrovmrsliix) be-sonders geneigt: man denke an die fast abgöttische Verehrung,die Voltaire gcuosseu, und an den Napoleonkultus, überhauptden Cüsarismus der Demokratie. —
Die Geschichte der Menschen ist so nach Carlyle vondem Gegensatz zwischen Altruismus und Individualismusbeherrscht. Auf positive folgen negative Zeiten, auf solchedes Glaubens und der Hingebung Zeiten des Unglaubensund der Selbstsucht. Den ersteren verdanken die gesellschaft-