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mächtig der König, welcher die Herrschaft dem Genusse vor-zieht, mächtiger der Priester, Dichter, Religionsstifter, welcheden Gedankeninhalt ihrer Zeit schaffen und dadurch mehrals alle anderen ihr Handeln beeinflussen.
Dem gegenüber ist der Individualismus lediglich etwasnegatives. Allerdings gewinnt er zeitweise über die sozialenMomente die Oberhand, aber nicht deshalb, weil er ihnenals gleichwertige Macht gegenüberstünde, sondern weil diejeweiligen Formen des Glaubens von selbst ihrer Natur nachzerfallen, womit auch ein Verfall der äußeren Formen derGesellschaft gegeben ist. Insoweit nun, als sie den Menschenzu beherrschen aufhören, wird soziales Handeln unmöglichund tritt notwendigerweise an seine Stelle der Indivi-dualismus.
Wenn die Gesellschaft trotz des Individualismus über-haupt uoch besteht, so hat dies seinen Grund darin, daßnoch soziale Elemente genug in ihr vorhanden sind. Diese,sobald sie freies Feld haben, werden in neuen Formen dieMenschen organisieren. Ein neuer Glaube wird entstehen,einzelne und Klassen werden sich erheben, um die Führungzu übernehmen. Auf „Freiheit, Gleichheit und Nicht-Aristo-kratie" hin kann nach Carlylc der Mensch gar nicht leben.Es besteht für ihn ein Zwang, sich zn gliedern.
Fehlen aber einer Gesellschaft alle positiven Elemente,unternimmt sie es jene Grundsätze praktisch durchzuführen,so werden ihr die Aristokraten ans der Fremde kommen.Denn es vollzieht sich die Entwicklung nicht überall gleich-zeitig, vielmehr findet sich neben der Zersetzung anderwärtsjugendliches Wachstum. Hierauf beruht nach Carlyle dieBedeutung der Eroberer und seine Vorliebe für dieselben.Die Eroberer sind die stärkeren, weil sie die gesellschaft-licheren, d. h. besseren sind. Allenthalben waren sie Männer,denen der Genuß nicht in erster Linie stand, sondern diednrch Hingabe an einen Führer oder eine Idee zusammen-gehalten wurden und dafür ihr Leben aufs Spiel setzte».Nicht selten haben sie einer untergehenden Welt neue Idealeund dadurch neues Leben mitgeteilt.