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Gewalt verherrliche. Diese Ankläger aber müssen verstummen,sobald sie sich dessen klar werden, worin nach Carlyle dieBedingungen der Macht für den einzelnen wie die Völkerbestehen. Nicht die physische Kraft, nicht starke Knochen undMuskeln sind es; vielmehr ist, wie wir oben sahen, nachCarlyle alle Macht moralischer Natur, eine Thatsache, welcheer den „Polarstern der menschlichen Geschichte" nennt. Starkist der gesellschaftliche gegenüber dem ungesellschaftlichen.
Schon die Entstehung und Entfaltung gesellschaftlicherZustände aus ungesellschaftlichen beweist ihre Überlegenheit;sonst wären sie überhaupt nicht möglich geworden. Diese Über-legenheit bewährt sich später im Laufe der gesamten Geschichte.Die alten Römer — Praktiker in Unterwerfung und Be-herrschung — haben mit dem Worte: „äiviäs st IrQxsrg,"das entscheidende Moment für die Stärke oder Schwäche derVölker getroffen, Stark ist ein Volk, das als einheitlich or-ganisierte Macht auftritt, schwach dagegen ein in sich zerklüf-tetes Volk, mehr eine Summe von Individuen' als ein leben-des Ganze. Hier unterliegt ein Naturvolk, das noch nichtzu gesellschaftlicher Organisation gelangt ist, gegenüber dereinheitlichen Aktion disziplinierter Heere, dort eine Kultur-welt, welche sich im Prozeß der Auflösung befindet, demjüngeren, aber in sich festgefügten Volke. Wo immer dasIndividuum mit dem gesellschaftlichen Organismus zusammen-stößt, bewährt sich die Überlegenheit des letzteren.
Etwas ähnliches gilt auch bezüglich des einzelnen inner-halb der Gesellschaft. Stark ist derjenige, der ans einemGlauben heraus handelt, d, i. arbeitet. Schwach dagegender in der Selbstsucht befangene; denn diese ist nicht bereit,zur Erreichung des Zieles Opfer zu bringen. Stark istferner die an sich schwache Kraft, welche mit andern vereintfür ein größeres Ganze arbeitet, wogegen die individua-listischen Kräfte sich überall entgegenstrcben und gegenseitigaufheben. Stark sind vor allen diejenigen, welche die Mensch-heit als Helden verehrt hat, weil sie mehr als die andernSelbstverleugnung übten; denn jedes große Handein bedeutetja Opfer des eigenen Daseins. Aus gleichem Grunde ist