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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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besser als es selber ist, kann es nicht wegbringen, sondernnur was schlechter ist."

Wie begründet Carlyle diesen Optimismus? Alle Ge-schichte bildet einen Kampf. Ursprünglich, solange der selbst-süchtige Einzelwille das alleinherrschende war, in rein indi-vidualistischen Zuständen, war dieser Kampf eiudslluniownium ooiiti-g, oillnss". Der Sieg des Stärkeren bedeuteteVernichtung des Schwächeren, Mit dem Erwachen gesell-schaftlichen Lebens hört dieser Kampf an sich nicht auf.

Scheinbar wird er zwar durch die entstehende Staats-gewalt aus dem inneren Leben der Gesellschaft gebannt undmehr und mehr hinausgedrängt in die Beziehungen derVölker zu einander. An Stelle der Gewalt tritt auch zwi-schen den Völkern mehr und mehr der friedliche Wettbewerb,aber die Gewalt bleibt doch als letztes Mittel im Hinter-grund. Mag ihre Anwendung zwar seltener werden, so istder Krieg doch der Gradmesser der Lebensfähigkeit der Völker.Demjenigen, der sich in diesem friedlichen oder kriegerischenKampfe als der mächtigere erweist, gehört die Zukunft, wo-gegen ein Volk, das sich zu verteidigen nicht mehr imstandeist, die Berechtigung zum Dasein verloren hat.

Ein ähnlicher Kampf vollzieht sich innerhalb der Gesell-schaft. Nur daß es sich hier weniger um Vernichtung, alsum Unterwerfung und Beherrschung des Gegners handelt.Auf den durch Kämpfen festgestellten Machtverhältnissen be-ruhen die Herrschaftsverhältnisse, deren Summe die Gesell-schaft ausmacht. Feierlich festgestellte Herrschaftsverhältnissesind Rechtsverhältnisse, ein Satz, welchen Carlyle kurz mitden WortenMacht ist Recht" zu bezeichnen pflegt. Sobalddie Macht aufhört hinter dem Rechte zu stehen, wird dasRecht hinfällig. Mag es zeitweise noch bestehen bleiben undso ein nicht selten schreiendes Mißverhältnis zwischen Machtund Recht vorhanden sein, früher oder später muß das Rechtden neuen Machtverhältnissen sich anpassen.

Diese Betonung der Macht, wie sie bei Carlyle hänfigwiederkehrt, hat ihm den Vorwurf zugezogen, daß er inden Verhältnissen der Völker wie der einzelnen die rohe