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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
Seite
132
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darauf angewiesen sind, die Gunst der Masse sich zu erhalten,werden sich durch immer weitergehende Vorschläge überbieten.Der Bergpartei wird der Sieg gehören, bis weiter nachlinks hin neue Elemente auftauchen, welche die Radikalendurch radikalere Vorschläge noch übertreffen. Ein Beispielsolcher Entwicklung bietet bereits die Geschichte der erstenfranzösischen Revolution. Wenn sich einstens die Politikerüber die chartistischen Forderungen entsetzten, so haben siesich seitdem mehr und mehr der Verwirklichung jenes Pro-gramms genähert.

Demokratie," sagt Carlyle,ist heute überall. Ihrmillioncnfüßigcr Tritt dröhnt auf allen Straßen und Wegen."Wenn wir dieses anerkennen, fassen wir das Problem unsererZeit. Carlyle erkennt die Macht der demokratischen Bewe-gung nicht anders an, als einer ihrer begeisterten Anhänger,weil er sich der Machtlosigkeit der alten Gewalten ihr gegen-über bewußt ist. Freilich thöricht erschien Carlyle der Glaube,dem selbst Männer wie Bentham und Mill nicht fernestanden, daß nämlich auf dem eingeschlagenen Wege eineunbegrenzte Vervollkommnung des Menschengeschlechtes zuerreichen sei. Er verglich die Gesellschaft vielmehr mit einemalten Hause, dessen längst verdächtige Vordermauer auf dieStraße gefallen ist. Noch hängen die Etagen an den Balken-cnden und durch den gegenwärtigen Zusammenhang aberschon in schiefer Richtung, und nur so lange, bis wenigerostige Nägel und wurmstichiges Gebälk nachgegeben haben;und unter solchen Umständen jubeln die Insassen des Hausesund verherrlichen die neuen Freuden des Lichts und derLüftung und des freien malerischen Blickes und danken Gott,daß sie ein Hans nach ihrem Sinne bekommen haben!*)

Dem Ansturm der Demokratie gegenüber ist eine Aristo-kratie, welche keine Pflichten, sei es in Armee, Staat oderKirche, mehr hat, machtlos. Von diesem Gesichtspunkt aus

'*) Man vergleiche für das Vorhergehende lütter v»,/ ?g,w-xlilsts S. 14 und bedenke dabei, daß jene Stelle unter dem Ein-druck von 1848 geschrieben ist.