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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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und dem Anwachsen des nationalen Rcichtnms, an diejenigendenken, welche darüber zn Boden getreten und vernichtetwerden. Während man früher die Vorzüglichkeit einer Volks-wirtschaft nach dem sich ergebendenReingewinn" beurteilte,hat man seitdem einen andern Maßstab anlegen gelernt:das Befinden der großen Masse, der Mehrzahl des Volkes.Man verurteilt eine Volkswirtschaft, die zwar das National-einkommen vermehrt, aber die Lebenshaltung des Volkesherabdrückt dieser außerordentlich wichtige Umschwungunterscheidet die Behandlung aller sozialen Fragen in derersten nnd zweiten Hälfte des Jahrhunderts.

Carlyle wird nicht müde, seinen Zeitgenossen zu wieder-holen, daß die Lage der arbeitenden Klassen gegenwärtigeine so schlechte sei, wie noch nie vorher.Man steige indie unteren Klassen hinab, wo mau will, in der Stadt oderauf dem Lande, und durch welcheu Kanal man will, indemman die darüber vorhandenen amtlichen Erhebungen zn Ratezieht, oder indem nian selbst die Augen aufthut und sich um-sieht. Stets wird sich dasselbe traurige Resultat ergeben.Man wird nämlich zugestehen müssen, daß der arbeitendeTeil der reichen englischen Nation in einen Zustand ver-sunken ist oder versinkt, der, wenn man alle Seiten desselbenin Erwägung zieht, buchstäblich noch nie seines gleichen ge-habt hat."^) Fälle tiefster Verkommenheit, welche mau vonfeiten der Behörde wie des Publikums lieber ganz totge-schwiegen hätte, hat Carlyle furchtlos ans Licht gezogen.Er widerlegt diejenigen, welche behaupten, daß die Lage derarbeitenden Klassen doch nicht so schlecht sei, wie sie häufigdargestellt werde, da- es die bestbezahlten Arbeiter seien,die sich über ihre Lage am meisten beklagen. Hieraus möchteman schließen, daß es nicht sowohl Elend der materiellenLage als Übermut und das Werk von Agitatoren sei, dasder Arbeiterbewegung zu Grunde liege. Wie soll der armeHaudweber, fragt Carlyle, der den ganzen Tag arbeiten muß,um seine Nahrung zu verdienen, streiken? Thäte er das,

*) Vergl. ?-rst ^ncl ?i-L?gnt, AuSgabe von Kretzschmar, S. 3.