— 135 —
Hcmdcn zu viel gemacht, dort sind ebensoviel Rücken unbe-kleidet. Die Nation gleicht dem Midas der Fabel, dem dieGötter eine unendliche Fülle Goldes gewährt hatten, undder bei seinen Reichtümern verhungerte. Die Nation teiltsich in zwei Klassen: in Arm und Reich. Noch bestehenzwischen beiden Mittelstände, aber diese verbindende Brückescheint täglich dünner zu werde». An den Polen der Gesell-schaft sind Reichtum und Hunger gleich den entgegengesetztenElektrizitäten, und immer dringender wird die Gefahr, daßsie sich in einem furchtbaren, allvernichtenden Blitzstrahl ver-einigen.
Es ist nicht Carlyles Verdienst, auf das Ungesunde derbestehenden Eigcutumsverteilung zuerst aufmerksam gemachtzu haben. Manche schon hatten vor ihm sich in ähnlichemSinne ausgesprochen und Maßregeln zum Schutze und zurHebung der arbeitenden Klassen gefordert. Aber keiner warvon der Wichtigkeit dieser Frage so durchdrungen gewesen,keinem war es so heiliger Ernst, wie Carlyle, wenn er be-hauptete, daß es sich hier nicht um eine unter vielen wich-tigen Fragen handele, sondern vielmehr um die Frage,welche heute dem Staate nnd der Gesellschaft zur Lösungaufgegeben sei. „Wenn man nichts zu thun hat," sagt Carlyle„so liest man in der Morgenzcitung die Parlamentsdebatten;da reden die ehrenwerten Mitglieder über die kanadischeFrage, die irische Ablösungsfrage, die westindische Frage, dieFrage des königlichen Hofstaates, — — kurz über alle Arteuvon Gegenständen außer über die eine Frage, die das Aund O von allen ist, und aus der die andern erwachsen:der eonäitioii-ok-^nAlanä c^kiztion, - d. h. die Frage nachder Lage und Existenz Englands . Denn die Lage dergroßen Masse des Volkes in einem Lande ist die Lage desLandes selbst/'*)
Carlyle giebt damit den Anstoß zu einem Umschwungin den sozialen Anschauungen seiner Zeitgenossen. Er lehrtsie, gegenüber der ungeheuren Entfaltung der Produktion
*) Vergl, Chartismus Kap. l, S. 146.