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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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lativen Philosophie, welche bis Kant ziemlich unbeschränktherrschte. Er hat nie versucht, überkommene Glaubensvor-stellungen verstandesgemäß zu beweisen. Jede Spekulationlag ihm fern; jede Bemühung, hinter oder über der Weltder sinnlichen Erfahrung weitere Gebiete der Erkenntnisaufzuschließen, schien ihm unfruchtbar. Er hatnie über dasDenken nachgedacht", d. h. nie versucht, sich als Subjekt überdas Subjekt zu erheben. Daher seine Vorliebe für die exakteNaturwifsenschaft, welche bereits am meisten von allen Wissen-schaften die metaphysischen Begriffe abgestoßen hat einProzeß, welcher heute das Gebiet der gesamten Wissenschaftergreift.

Aber der auf ihrem Gebiete ausschließlich giltigen, er-sahrungsmäßigen Erkenntnis räumt Goethe keinen absolutenWert ein. Ist es doch gerade der Grundgedanke des Fanst,daß es für den Menschen nicht das höchste sei, das All mitseinem Verstände zu umspannen. Gerade das Bestreben, dieErde zu verlasfcn und sich zu einer gottesgleichen Höhe derErkenntnis zu erheben, bringt vielmehr über Faust die Qualentiefster Zerrissenheit. Durch ein langes und vielverschlungenesLeben, in welchem alle diejenigen äußeren Momente auf ihneinstürmen, die überhaupt heute für den sich entwickelndenMenschen von Einfluß zu sein pflegen, wird dieser Vertreterunseres Geschlechtes zu der Einsicht geführt, daß der Menschnicht in der Erkenntnis, sondern in der Thätigkeit seine Be-friedigung finde.

Das ist der Weisheit letzter Schluß:Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,Der täglich sie erobern muß."Wie Aristoteles war eben Goethe, im Gegensatz zu denmeisten seiner Zeit, der Überzeugung, daßdas Ziel desMenschen Handeln nicht Gedanke sei". An häufigen Stellenseiner Werke spricht er das aus, so z. B. in seiner Kritikvon Diderots Versuch über die Malerei":Der Menschist kein lehrendes, er ist ein lebendes, handelndes und wir-kendes Wesen. Nur in Wirkung und Gegenwirkung erfreuenwir uus". Ähnlich sagt im Wilhelm Meister der Abbs.

v. Schulze-Gävernitz, Carlylc. 11