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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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dem Goethe häufig die goldenen Worte der eigenen Welt-weisheit in den Mund legt:das erste und letzte am Men-schen sei Thätigkeit".*) Damit spricht Goethe aller spekula-tiven Philosophie, welche die absolute Wahrheit zu ergründensich bemüht, das Todesurteil. Denn alsdann hat das ganzeGebiet der Erkenntnis nur relative Bedeutung und allesTheoretisieren, welches den Dienst des Lebens verläßt,deutetauf Mangel oder Stockung der Produktionskraft hin". Nurin der Thätigkeit findet der Mensch Glück und Frieden, wiedenn Goethe rät, in Trübsal und Anfechtungen des Lebensdie Pflicht zu thun, die im Augenblick am nächsten liege.

Zum zweiten aber ist Goethe positiv gerichtet, d. h. vonden Positivistischen Voraussetzungen aus ist seine Weltan-schauung nicht materialistisch und utilitarisch, sondern idea-listisch und religiös. Wie wenig ihm einerseits ein Buchwie das Jacobisvon den göttlichen Dingen"wohl machte",so sehr ist er doch andererseits von der Herrschaft der ma-terialistischen Aufklärung freigeblieben. Schon in seinerJugend, so erzählt er, seien die Lehren der französischenEncyklopädisten ihm ,,greiscnhaft" vorgekommen. Wie sehrihm jede Einmischung metaphysischer Wesenheiten in diedurch die Erfahrung festgestellten Erscheinungen widerstrebte,so konnte er doch die Natur nicht absolut denken, sondernnur in Beziehung auf eine jenseitige, dem Gebiet der Er-kenntnis entrückte Welt. Die Natur war ihm dieGott-Natur". Diese Anschauung stand ihm so unverbrüchlich fest,daß er dieselbe bei Gelegenheit der Besprechung ebeu jenesJacobischcn Buches sürdeu Grund seiuer ganzen Existenz"erklärte. Es ist hier nicht der Ort, die Fülle von Aussprüchenanzuführeu, iu denen Goethe die soeben bezeichnete Anschau-

*) Ähnlich heißt es in Wahrheit und Dichtung:Im Lebenkomme alles aufs Thun an." Ferner Gespräch mit Eckermannvom 25. Oktober 1825:Der Mensch ist nicht geboren, die Pro-bleme der Welt zu lösen, wohl aber zu suchen, wo das Problemangeht und sich sodann in der Grenze des Begreiflichen zu halten."Vergl. das vorhergehende und folgende daselbst.