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ung ausspricht.*) Dagegen widerstrebte ihm jeder Versuch,mitttelst der Spekulation in das Jenseits sich zu schwingen.„Wer darf ihn nennen, und wer bekennen: ich glaub' ihn?"**)Diese Ausfassung, welche mit einer klaren, entwicklungs-geschichtlichen Natur- und Weltbetrachtung in keinem Wider-spruche steht, hängt auf das engste zusammen mit Goethesethischer Grundüberzeugung. Diese letztere, wie sie in seinenspäten und reifen Werken zum Ausdruck kommt, so besondersin den Wanderjahrcn, dem Faust, den Sprüchen in Prosaund den Gesprächen mit Eckcrmann ist durchaus antiutili-tarisch. Wenn die Nützlichkeitsphilosophie behauptet, es seidas Ziel alles menschlichen Handelns, so viel als möglichdie Summe des individuellen Leidens zn mindern und dieder individuellen Lust zu erhöhen, so sieht Goethe dem gegen-über im Leiden nichts verabscheuenswertes, sondern ein „För-dernis des Heiligen", das man verehren und liebgewinnenmüsse,***) Wie ihm das Leben ein stetes und schweresKämpfen erscheint, und jeder Tag „eine Bresche, die viele
*) Erinnert sei hier allein an jene für ihn ebenso bezeichnendewie merkwürdige Geschichte, die Eckermcmn anführt (Gesprach vom29. Mai 1831). Derselbe erzählt, daß ihn die elterliche Liebe einerGrasmücke, welche in die Gefangenschaft freiwillig zurückkehrte, umihre Jungen zu füttern, innig gerührt habe. Er habe sein Er-staunen darüber Goethe geäußert, dieser aber habe lächelnd er-widert: „Närrischer Mensch, wenn Ihr an Gott glaubtet, so würdetIhr Euch darüber nicht verwundern". Liegt doch eben in demSiege der Liebe über den Selbsterhaltungstrieb, hier wie überall,etwas durch den Verstand unauflösliches. Dieses unauflöslichepflegte Goethe auch als das Dämonische in der Welt zu bezeichnen:er sah es überall wirksam, aber in großen Menschen mehr alsanderswo. Ganz ähnlich Carlhle.
**) Wo Goethe von den göttlichen Dingen redet, spricht er nichtin Begriffen, sondern Bildern. So lebt jenes uralte Bild, daßsich bereits in der indischen Mythologie findet, von der Welt als„dem lebendigen Kleide der Gottheit" für ihn wieder auf. Sowurde ihm alles Vergängliche selber zum Gleichnis, und gerade,um dies anzudeuten, mochten ihm jene pantheistischen Anklänge,wie sie sich häufig bei ihm finden, sich geeignet erweisen.***) Wanderjahre II, Kap. I.
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