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kantischen und zum Teil überkantischen Inhalt verwarf.Mehr noch: Marx grub den wasserreichsten jener Kanäle,durch welchen im neunzehnten Jahrhundert westeuropäischeFluten deutsches Flachland überschwemmten. Nur der-jenige, der des grundsätzlichen Fortschrittes sich bewusstist, den Kant über Hume und Bentham , über Voltaire undRousseau hinaus bedeutet, wertet das „Zurück zu Kant “im Munde eines Bernstein und anderer sozialistischer Neu-kantianer in seiner vollen geistesgeschichtlichen Schwere.
Im deutschen Idealismus bejahte das empirische Ich,zum erstenmal in bewusster Freiheit, den überempirischenWert, welcher die Kulturwelt menschlichen Denkens wieHandelns trägt. Auf ihren Höhepunkten erhebt sich dieseWertbejahung zur „Ehrfurcht“ 2 . Marxens innerster Kernwar doch wohl jene Wertverneinung, in der das empirischeIch, empört über verschlissene Wertüberlieferungen, denüberempirischen Wert selbst leugnet. In Marx flammte dieLeidenschaft der Zerstörung. An dieser innerlichstenFlamme nährte sich das ungeheure Lebenswerk diesesriesigen Arbeiters. Um solche Grundstimmung zu ver-stehen, gedenken wir seiner Umgebung und seines Ur-sprungs.
Marx wurzelte in den 30 er und 40 er Jahren des ver-flossenen Jahrhunderts, deren Eindrücke, was nur zu oftvergessen wird, ihn zeitlebens bestimmten. Es waren dieTage einer scheinbar endgültigen Niederlage des deutschenIdealismus. Je mehr die geistige Welle abebbte, um somehr trat die Sandwüste des vorkantischen Deutschlands zu Tage.
In den Tagen Steins hatten gutsherrliche „Patrone“den Schulunterricht für „schädlich“ erklärt; Garnisonschefshatten städtische Ratsherren misshandelt, Offiziere denKaufmann für gut genug erklärt, um seine Kassen „mitdem Bajonett zu sprengen“ Der Adel hatte die Vorteile derneuen Zeit (Wegfall des Bauernschutzes) mitgenommen,ohne auf die Vorrechte der alten Zeit zu verzichten 3 .