26
Engels hat in späterer Zeit bereits Milderungen vor-genommen. Bernstein hat diese Quintessenz des Marxismusvöllig verwässert. Er bestreitet nicht mehr „die Eigen-bewegung politischer und ideologischer Mächte“; er be-hauptet lediglich, dass die Entwicklung der ökonomischenGrundlagen des Gesellschaftslebens schliesslich (?) dochden stärkeren Einfluss übt — bis zu welchem Grade, istquaestio facti. Hierdurch ist die Erklärung der gesellschaft-lichen Phänomene aus einer einheitlichen Ursache preis-gegeben. Es wird ausdrücklich der „Ideologie“, die nicht vonder Oekonomie bestimmt ist, ein selbständiger und geradein neuerer Zeit erweiterter Spielraum eingeräumt 65 . Damitist der historische Materialismus seitens des sozialdemo-kratischen Revisionismus — bis auf seinen Namen — beseitigt.
Dagegen lebt die marxistische Geschichtskonstruktionbei bürgerlichen Nationalökonomen fort. SokommtStammlerder von ihm bekämpften Lehre weit entgegen, indem er diedurchgängige Verbindung aller Sondererscheinungen nacheinem allgemeinen Gesetze annimmt, wobei ihm augen-scheinlich wieder die Analogie der Mechanik vorschwebt 66 .Sombart-Odysseus reicht den Lebensbecher den Seelen „derabgeschiedenen Toten“ Mit Condorcet erstrebt Sombart die Erklärung des geschichtlichen Verlaufs durch eineeinheitliche Ursache, welche bei ihm psychologisch-öko-nomischer Art ist: „Verwertungsstreben des Kapitals“,„kapitalistischer Geist“, als ob nicht dieser kapitalistischeGeist selbst auf eine ungeheuer verwickelte geistesgeschicht-liche Ursachenreihe zurückwiese. Die Ethik ist ihm Ver-brämung des wirtschaftlichen Fortschritts — wirkungslosund überflüssig, „rein dekorativ“ 67 . Politischen und ideellenKausalien wird in der Vorrede des „modernen Kapitalismus“die Pforte geschlossen, während sie später — sehr imInteresse glänzender Einzelausführungen — durch Hinter-türen wieder hereinschlüpfen 58 .
Kritik. Die marxistische Geschichtsauffassung kannheute durch Beibringung empirischen Stoffes mühelos